Gedanken zum Tag

Mittwoch, 21. Oktober

Die Losung heute lautet:

Ein Engel rührte Elia an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er stand auf, aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes.
1. Könige 19, 5.8

Und dazu wurde folgender Lehrtext ausgesucht:

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.
2. Korinther 4, 7

Über die Eliageschichte habe ich im Juli schon einmal einen ‚Gedanken zum Tag‘ geschrieben. Hängen geblieben bin ich diesmal an dem zweiten Vers. Was soll das bedeuten „Schatz in irdenen Gefäßen“? Vor meinem inneren Auge tauchen gleich die schönen Keramikschalen und -krüge auf, die es bei der Auer Dult gibt. Jedes Mal streiche ich um einen bestimmten Stand und überlege, ob ich nicht doch dringend noch ein Haferl oder eine Müslischüssel brauche.
Ich habe eine andere Übersetzung zu Rate gezogen. Martin Dreyer hat vor einigen Jahren die sogenannte „Volx Bibel“ herausgebracht. Die ganze Bibel übersetzt in einer „jugendgemäßen“ Sprache. 
Dort lautet der Vers so:
„Diesen derben Schatz haben wir in uns armselige Würstchen hineingelegt bekommen, in einen Körper, der so leicht zu zerstören ist. So merkt jeder, dass alles Gute, was von uns kommt, eigentlich von Gott ausgeht.“
Ah, jetzt wird mir das Ganze schon klarer. Das „irdene Gefäß“, das sind wir Menschen, von Gott geschaffen aus Lehm. Der Schatz, das ist die Frohe Botschaft, die Gott in uns legt. Und dieser Schatz gibt uns Kraft, überschwängliche Kraft. Aus dieser Kraft heraus leben wir und machen sie mit unserem Reden und unserem Tun für andere sichtbar. 
Paulus betont das „irdene Gefäß“, weil ihm wichtig ist, dass wir Christ*innen nicht eingebildet werden und denken, wir könnten uns mit Gott auf eine Stufe stellen. 
So zerbrechlich, wie ein Gefäß aus Ton sind auch wir Menschen.
Unsere Kraft kommt von Gott. 
Dass sie kommt, jeden Tag auf’s Neue, darauf lasst uns mit Elia vertrauen.

Verena Übler


Dienstag, 20. Oktober

Pause

Mich fasziniert schon immer der letzte Schöpfungstag. In der Bibel wird nicht erzählt, dass die Erde in 6 Tagen  erschaffen wurde und Gott ruhte sich am nächsten Tag aus. Nein, es wird gesagt: In 7 Tagen erschuf Gott Himmel und Erde. Inklusive des letzten Schöpfungstages. An diesem letzten Schöpfungstag wird nichts  geschaffen. Gott ruhte sich „nur“ aus  - und heiligte den Tag.

Die Pause gehört zu den Schöpfungstagen hinzu. Pause, Ruhe, Atemholen. Erst dann ist die Schöpfung vollendet. Mit dem siebten Tag. Auch am Ende jedes einzelnen Schöpfungstages nimmt Gott sich Zeit, seine Arbeit, sein Tun des Tages zu betrachten. Er hält einen Moment inne, blickt zurück stellt fest: Es ist gut.

Wie einfach es klingt und doch ist es so schwer. Sich Zeit nehmen. Den Tag am Abend als gut befinden. Und sonntags zur Ruhe kommen, den Kopf frei bekommen. Erst dann ist die Woche vollendet.

Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.  Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. (1. Mose 2, 2-3)

Carolin Lochner


Montag, 19. Oktober

Fürchtet Euch nicht?

Wie gestalten wir in diesem Jahr den Heiligen Abend und Weihnachten in der Kirchengemeinde? Diese Frage beschäftigt uns und viele andere Gemeinden derzeit intensiv. Die Frage, wie wir in diesem Jahr Weihnachten feiern werden, behandelt auch Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung in seiner Wochenvorschau "Prantl`s Blick" mit dem heutigen Titel „Fürchtet Euch nicht?“.

Ein kurzes Zitat aus seiner Wochenvorschau, das mich zum Nachdenken angeregt hat:

„Vor zweitausend Jahren waren, wie die Weihnachtslegende sagt, Hirten auf dem Feld. Da geschahen plötzlich höchst bedrohliche Dinge. Deshalb heißt es in der Geschichte: ,Und sie fürchteten sich sehr.' Diese Angst der Hirten wird an Weihnachten üblicherweise wenig beachtet. Das wird in diesem Jahr anders sein. Und wir werden, begieriger als sonst, fragen, was es bedeutet, wenn der Engel kommt und sagt: ,Fürchtet Euch nicht.' Es schadet nichts, wenn wir über diese Weihnachtsfrage schon im Oktober nachdenken.“ (Heribert Prantl)

Diesen Abschnitt und die ganze Wochenvorschau können Sie lesen unter:

https://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-weihnachten-corona-1.5079970


Felix Breitling


Samstag, 17. Oktober

Ganz anders

Heute schon mal ein kleiner Vorgriff auf die Predigt am Sonntag. Der Wortkünstler Udo Lindenberg hat ein Lied geschrieben mit dem Titel „Ganz anders“. Er greift ein Zitat von Ödin von Horvath auf: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur so selten dazu.“
Es geht darum, ob wir uns immer so zeigen, wie wir wirklich sind. Haben wir verschiedene Ichs? Welches Ich zeigen wir wann und wo? 
Und die Hauptfrage: Warum zeigen wir uns nicht immer so, wie wir wirklich sind? 
Ich glaube, das hat viele Gründe: Unsicherheit, Dazugehörenwollen, Selbstzweifel, Sich-selbst-nicht-gut-kennen, Übermut, Experimentierfreudigkeit, Verletzlichkeit und vieles mehr.
Man muss schon ein gutes „standing“ haben, also gut gegründet sein auf festem Boden, um das wahre Ich freimütig zeigen zu können.
Für mich ist die Liebe Gottes dieser feste Boden. Er ist nur wegen der eben genannten Gründe nicht immer zu spüren. Was kann man tun? Vertrauen wagen. Vertrauen auf diese Liebe Gottes, damit ich – damit wir öfter und nicht nur selten dazukommen, unser „ganz anderes“ Ich zu zeigen!

Verena Übler
 


Freitag, 16. Oktober

Für mich ist es eines der Bibelworte des Jahres 2020 und ich möchte es gerade jetzt ins Gedächtnis rufen: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Timotheus 1,7)

Lassen wir uns nicht beherrschen von der Furcht. Denn Gott hat uns den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit gegeben.

Der Geist der Kraft holt uns aus der Enge in die Weite und eröffnet Handlungsmöglichkeiten. Der Geist der Kraft kann die Resignation durchbrechen und Mut machen.

Der Geist der Liebe verbindet uns. Ich versetze mich in die andere und den anderen hinein. Liebe deinen Nächsten, denn sie und er ist (nicht) wie du.

Halte inne und dann geh mit Vertrauen den nächsten Schritt. Denn Gott hat uns den Geist der Besonnenheit gegeben.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Felix Breitling


Donnerstag, 15. Oktober

Neue Begegnung

Auch nach fast 30 Jahren in Berg am Laim, entdecke ich in der näheren Umgebung doch immer wieder etwas Neues.

So habe ich es im Sommer erlebt, als ich bei einem Spaziergang nicht die übliche Strecke nahm, sondern spontan einmal anders herum abbog. In einer kleinen Grünanlage inmitten von Wohnblöcken, nur ein paar Meter südlich der vielbefahrenen Berg-am-Laim-Straße, traf ich dann an einem Spielplatz überraschend dieses fröhliche Pärchen auf seinem Holzschiff. Durch die Häuser vom Straßenlärm abgeschirmt, war es eine kleine ruhige Oase, in die die entspannt wirkenden Figuren bestens hineinpassten. Ohne die Abweichung vom gewohnten Weg hätte ich sie bestimmt nicht gesehen.

Sicher, Gewohnheiten und Routinen sind wichtig.
Vieles in unserem Leben würden wir nur schwer bewältigen, wenn wir nicht auf bewährte und gewohnte Abläufe zurückgreifen könnten. Routinen geben uns Sicherheit, und es spart Energie und Zeit, wenn wir nicht ständig überlegen und entscheiden müssen.

Aber auf der anderen Seite ist es auch wichtig, dass wir immer wieder einmal von der Routine abweichen und (im übertragenen Sinn) einen anderen Weg nehmen. Einen Weg, den wir bisher noch nie gegangen sind, auf dem wir uns vielleicht unsicher fühlen. Das ist anstrengend und es kostet Überwindung. Aber nur so machen wir neue Erfahrungen und erweitern unsere Sicht auf die Welt.  

Mathias Brandstätter


Mittwoch, 14. Oktober

Charlotte Brontë

Heute kommt der Gedanke zum Tag aus der Bahnhofkirche Zürich. Ich kann ihn voll unterschreiben, denn seit ich als Au Pair in England war, bin ich von Herzen „anglophil“. 
Die Frauenpower in den Werken der Schwestern Brontë hat mich auch schon früh beeindruckt. Aber lesen Sie selbst…

https://www.bahnhofkirche.ch/2020/10/07/charlotte-bronte/

Verena Übler


Dienstag, 13. Oktober

Mein Platz

Manchmal bin ich auf der Suche nach meinem Platz. Zum Beispiel abends auf dem Sofa. Nicht, dass nicht klar wäre, wo ich sitze. Aber manchmal stimmt die Sitzart nicht. Manchmal liegt es auch am Kissen. Ich fühle mich nicht ganz am richtigen Platz. Obwohl es ja mein Platz ist. Manchmal ist es schwierig mit meinem Platz.

Wenn ich meinen Platz begrenzen würde, womit würde ich das tun? Man müsste einen guten Weitblick haben und trotzdem geschützt sein. Meinen Platz darf ja auch niemand zerstören. Und gleichzeitig will ich offen sein für eine Betrachtung in Ruhe, dafür, sich nebeneinander stehen oder sitzen lassen zu können.

Mein Platz in der Welt ist schwierig zu benennen. Er ist so abhängig von den anderen. Je mehr ich andere zu mir lasse, umso kleiner wird mein Platz. Je mehr ich andere wegschiebe, umso weniger fühlt sich mein Platz wie ein Platz in der Welt an. Dazugehören und doch ich sein. Ein ständiges Gerangel. Oder doch ein Miteinander?  

Mein Platz gehört mir. Mein Platz auf dem Sofa, mein Platz mit Weitblick und doch mit meinen Grenzen, mein Platz für mich und doch mit anderen. Es ist mein Platz, den nur ich so ausfüllen kann, wie ich es kann. Hedwig von Redern hat das in ihrem Gedicht Du stehst am Platz, den Gott dir gab so formuliert: „Bedenk's, den Platz, den Gott dir gab, kann niemand füllen als nur du; es ist nicht gleich, ob du dort stehst, denn grade dich braucht Er dazu.“

Mein Platz ist für mich.

Carolin Lochner


Montag, 12. Oktober

Von morgens 9.00 Uhr bis abends 19.00 Uhr ist die Offenbarungskirche jeden Tag geöffnet. Immer wieder kommen Menschen in die Kirche, zünden eine Kerze an, setzen sich, bleiben eine Zeitlang im Kirchenraum, genießen die Stille.

Vor einiger Zeit hat mich nun jemand auf einen Gedanken in einem Buch aufmerksam gemacht, der mich beeindruckt hat: Alle, die unter der Woche in die Kirche kommen und hier Stille und das Gebet suchen, füllen die Kirche mit Glaubens-,Lebens- und Gebetsspuren, die sich am Sonntag mit den Gottesdienstspuren verbinden. Der Kirchenraum wird mit „Lebensgeschichten angereichert“. Über die Gottesdienstgemeinde am Sonntag hinaus sind dann „auch diejenigen mit anwesend […], welche die Woche über ihr Leben in dieses Kirchengebäude hineingetragen haben.“ Seit ich diesen Gedanken kennengelernt habe, gehe ich anders als früher in den Kirchenraum. Wenn wir am Sonntag Gottesdienst feiern, denke ich an die Glaubens-, Lebens- und Gebetsspuren in der Kirche. Und wenn ich die abgebrannten Kerzen aus dem Sand nehme, dann halte ich inne und werde ich mir bewusst: Jede Kerze hat eine Bedeutung.

(Zitate: Klaus Raschzok, Orte der „Begegnung der Gemeinde mit dem lebendigen Gott“, in: Evangelischer Kirchenbau in Bayern seit 1945, S. 66) 

Felix Breitling


Sonntag, 11. Oktober

Predigt von Pfarrer Felix Breitling siehe Predigten zum Nachhören


Samstag, 10. Oktober                                                         

Gras
Bildrechte: Renate Hüttinger

Every blade of grass has it’s angel
that bends over it and whispers:
“Grow, grow!”

Jeder Grashalm hat einen eigenen Engel, 
der sich über ihn beugt und ihm zuflüstert: 
„Wachse, wachse!“

- aus dem Talmud - 

Verena Übler

 


Freitag, 9. Oktober

Meinen Bogen setze ich in die Wolken … (1. Mose 9,13)

Mittwochvormittag in der Grundschule. Wenn die halbe Klasse so gebannt am Fenster steht, ist meistens etwas auf der Berg am Laim Straße passiert. Ein Unfall, Polizei, ein Krankenwagen.

„Herr Breitling, schauen Sie mal.“ Ich sah zuerst auf die Straße und konnte nichts entdecken. „Nein, nicht auf der Straße. Sie müssen in den Himmel schauen.“

Am Himmel stand ein riesiger Regenbogen, der sich wie eine Brücke über die ganze Straße zog. Wir blieben am Fenster stehen und schauten in den Himmel.

Am Abend hatte ich dann in meinem Postfach eine Mail „Regenbogen über der Offenbarungskirche“ mit zwei Fotos vom Regenbogen, diesmal über der Kirche. Ein Gemeindemitglied hatte sie uns geschickt. Ich habe mich sehr über die Mail und die Fotos (eines davon sehen Sie unten) gefreut. Hier nochmal ein herzliches Dankeschön.

In der Bibel ist der Regenbogen das Zeichen für den Bund zwischen Schöpfer und Geschöpf. Nach der großen Sintflut lässt Gott einen Regenbogen am Himmel erscheinen, verbunden mit dem großen Versprechen: Nie wieder werde ich eine solche Flut über die Erde kommen lassen.

Der Regenbogen ist so zu einem Zeichen der Zusage von Gottes Treue und zu einem Zeichen der Hoffnung geworden.

Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch verdirbt. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde. Und Gott sprach zu Noach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde aufgerichtet habe. (1. Mose 9,12-17)

                                                                                                                                                                                                                                                            Felix Breitling


Donnerstag, 8. Oktober

Meine fliegenden Untermieter

Diesen Sommer habe ich Untermieter bekommen - bzw. „Übermieter“, denn sie haben sich über meinen Kopf in einer Gaube angesiedelt, direkt unter dem Dach. Wohnraum ist bekanntlich knapp in München, und so ist es verständlich, wenn alle Möglichkeiten genutzt werden.
Allerdings zahlen sie keine Miete, zumindest nicht in bar. Denn es sind Wespen, die sich bei mir einen ziemlich großen Wespenstock gebaut haben.

Ein Nachbar hatte den regen Flugbetrieb als erster entdeckt und fragte mich, was ich dagegen machen werde. Er konnte mir gleich Ratschläge geben, wie ich sie wieder loswerde. Von der Feuerwehr bis zu diversen Unternehmen, die auf die Beseitigung von Wespennestern spezialisiert sind. Auch andere Bekannte, denen ich von meinen neuen Mitbewohnern berichtete, erzählten mir abenteuerliche Geschichten von Wespenbefall und überlegten, was ich dagegen machen könnte.
Ich muss gestehen, dass ich auch kurz darüber nachdachte, wie ich meine Mitbewohner wieder loswerde. Eine Schreckensvision war, dass mich in kurzer Zeit auf der Terrasse Hunderte von Wespen umgeben würden und ich die Wohnung nicht mehr ungestochen verlassen könnte. Wenn man ins Internet schaut, dann geht es in vielen Wespen-Suchergebnissen ja um Gefahr, um Gift und Vertreibung.

Aber dann habe ich etwas länger überlegt und mich gefragt…
- warum eigentlich muss man etwas „dagegen machen“?
- beeinträchtigen oder bedrohen die Wespen mich wirklich (ich habe glücklicherweise keine Allergie)? 
- haben sie nicht genauso ein Anrecht auf ein ungestörtes Leben wie ich?
- sind sie nicht ein wertvoller und wichtiger Teil meiner Mitwelt?

Und überhaupt – es ist doch eher umgekehrt. Nicht die Wespen bedrohen uns, sondern wir Menschen sind es, die die Wespen bedrohen. Wespen und unzählige andere Insektenarten werden immer weniger, sie stehen nicht ohne Grund auf roten Listen oder sind zumindest stark gefährdet.
Und wegen der Miete… die Bewohner eines großen Wespenstocks verzehren pro Tag bis zu zwei Kilogramm Blattläuse, Baum- und Pflanzenschädlinge und sie bestäuben viele Pflanzenarten. Das ist eine ganze Menge „Miete“, diese Arbeitsleistung ist eigentlich unbezahlbar.

Also haben wir uns bestens arrangiert. Ich lasse sie dankbar in Ruhe und sie mich. Und falls doch mal eine neugierige Wespe am Kaffeetisch zu lästig wird, dann hilft etwas Wasser aus dem Zerstäuber und sie flüchtet schnell vor dem vermeintlichen Regen.
In wenigen Wochen wird der ganze Stock am Ende des Herbstes sowieso absterben. Nur die junge Königin überwintert und findet hoffentlich nächstes Jahr wieder einen ungestörten Platz für ein neues Nest.

Mathias Brandstätter


Mittwoch, 7. Oktober

Das Lied der Frösche lernen

Als der „große Maggid“ (= jüdischer Wanderprediger) gestorben war, kamen die Schüler zusammen, um sich über ihre Erlebnisse mit ihm auszutauschen. Viele priesen die Weisheit des großen Lehrers.
Als Rabbi Schneur Salman an die Reihe kam, überlegte er lange Zeit. Endlich fragte er die anderen: „Wisst ihr, warum der Meister jeden Morgen zum Sonnenaufgang am See war und eine Zeitlang dort verweilte, ehe er wieder ins Haus zurückkehrte?“ 
Die Schüler antworteten, das hätten sie nicht gewusst.
Da erzählte der Rabbi: „Der Meister lernte das Lied, mit dem die Frösche Gott loben und preisen. Es braucht viel Zeit, dieses Lied zu lernen.“

Es dauert wahrscheinlich das ganze Leben, um das Lied der Frösche zu lernen. Das Lied, das uns als Menschen aufgetragen ist: Gott zu loben und zu preisen und zu lieben. Ob wir je meisterhaft darin werden? Vielleicht ist das nicht wichtig. Wichtig ist, immer wieder, am besten jeden Tag, in die Natur zu horchen, der Natur zu lauschen. Sie ist es, die von Ewigkeit her dieses Lied singt. Es gilt zu erfahren – ein Leben lang, dass unser Dasein letztlich nichts anderes ist, als ein Lobpreis auf Gott, eine Liebeserklärung an den, der uns geschaffen hat.

Verena Übler


Dienstag, 6. Oktober

Blätter

Immer bunter werden sie in diesen Tagen: die Blätter. Manche wirbeln durch die Luft, vom Wind getragen. Manche strahlen in tausend verschiedenen Farben und schmücken einen Baum. Wie schön, wenn die Sonne auf sie herabschaut und der Wind sie leicht zum Säuseln bringt. Sanft bewegen sie sich hinab und fallen sanft auf die braune Erde. So schön dieses bunte Treiben auch ist, diese Blätter haben auch etwas Melancholisches, Vergängliches. Wie wir Menschen auch sind.  In wenige kunstvolle und doch so hoffnungsvolle Worte zum Schluss hat Rainer Maria Rilke (1875-1926) dies gebracht:
https://www.gedichtemeile.de/texte/herbstgedicht-blaetter-rainer-maria-rilke.jpg

Carolin Lochner


Montag, 5. Oktober

„Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl“ heißt der Monatsspruch für den Oktober aus dem Buch Jeremia (Jer 29,7). Der Prophet Jeremia schreibt diese Worte in einem Brief an die Menschen, die nach der Zerstörung Jerusalems im Exil in Babylon waren. Sie wissen nicht, wie lange sie dortbleiben werden. Sie wissen nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird. Lohnt es sich überhaupt, sich dort auch nur irgendwie einzurichten, dort fern der Heimat, die ihnen verloren gegangen ist?

Jeremia ist da ganz pragmatisch: Suchet der Stadt Bestes, schreibt er, denn wenn`s ihr wohl geht, so geht`s euch auch wohl. Jetzt seid Ihr hier. Engagiert Euch für den Ort wo ihr lebt, gestaltet dort das Leben mit, knüpft Beziehungen und schließt Freundschaften,

Für mich bedeuten die Worte des Monatsspruchs heute: Engagiere Dich dort, wo Du lebst. Selbst wenn Du an diesem Ort nicht allzu lange bleiben wirst und vielleicht bald schon wieder umziehst. Auch wenn es wenig ist, du trägst damit schon viel zu einem guten Zusammenleben bei. Es muss nicht gleich ein großes Ehrenamt sein. Tue, was für Dich möglich ist, was Dich erfüllt, du lernst andere Menschen kennen und Du wirst Dich selber wohlfühlen, dort wo Du lebst. 

Felix Breitling


Sonntag, 4. Oktober

Predigt von Pfarrer Felix Breitling siehe Predigten zum Nachhören


Samstag, 3. Oktober

Den 3. Oktober 1990 habe ich in Lancaster, Pennsylvania in den USA verbracht. Ich hatte gerade mein Auslandsstudienjahr am Lancaster Theological Seminary begonnen. An dieser theologischen Fakultät war es üblich an jedem Mittwoch-Mittag in der hauseigenen Kapelle einen Abendmahlsgottesdienst zu feiern. Nicht genau zu diesem Datum, aber in dieser Zeit wurde ich gebeten in einem solchen Gottesdienst von den dramatischen Umbrüchen in Deutschland zu erzählen. Meine Mitstudierenden und die Dozent*innen hatten die Ereignisse interessiert und berührt mitverfolgt und waren neugierig quasi „live“ von meinen Eindrücken zu hören.
Ich weiß nicht mehr genau, was ich gesagt habe, aber ich erinnere mich, dass ich mit diesen Worten begonnen hatte: „I cried for joy when the wall came down“. 
Und das war nicht übertrieben. Die Fernsehbilder im Herbst 1989 hatten mich wirklich zu Tränen gerührt. Wie vielen anderen ging es auch mir so, dass ich kaum zu glauben wagte, was da geschah. Und dann war es 1990 besiegelt. Die Vereinigung war damit nicht erledigt, aber entscheidend auf den Weg gebracht. Und jetzt 30 Jahre danach können wir stolz sein auf das, was sich alles bewegt und vollzogen hat. Ist es perfekt? Sicher nicht. Nach dem gewaltsamen Akt der Teilung kann die Vereinigung nicht ohne Narben bleiben. Aber mit Narben kann man leben. Sie halten in Erinnerung, dass gesellschaftliches Miteinander ohne Unterlass gehegt und gepflegt werden muss. Das geschieht auf unterschiedlichste Weise und Motivation. Für mich geschieht es aus dem Vertrauen auf Gottes segnende Begleitung heraus. Dieses Vertrauen erzeugt Mut und Zuversicht.

So wie es in dem Lied ausgedrückt ist:

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist.
Weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.

Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Toren stehen offen. Das Land ist hell und weit.

EG 395. Text: Klaus Peter Hertzsch 1989, Melodie: Lob Gott getrost mit Singen

Verena Übler


Freitag, 2. Oktober

Von einem Mann in Neuguinea wird erzählt, er sei immer nach dem Sonntagsgottesdienst in der Kirche zurückgeblieben. Er saß mit über der Brust gekreuzten Armen da und schaute auf den Altar, der leer und ungeschmückt war. Der Missionar, der sich über den ständigen Gast wunderte, ging auf den Mann zu und fragte ihn, was er denn die ganze Zeit bete. Der lächelte nur und antwortete: „Ich halte meine Seele in die Sonne.” 

Beten, die Seele in die Sonne halten - da spüre ich Wärme und Licht. Und ich denke daran, wie es ist, wenn ich glücklich bin, mich sicher und geborgen fühle.

Alles ist denen gestattet, die beten. Jedes Wort, jede Haltung des Körpers, jede Tonlage der Stimme. Es braucht keine niedergeschlagenen Augen und keine bleischwere Zunge, keine Standardformulierungen, keine besonders heiligen Zeiten und keine konkreten Orte um zu beten.
Beten kann in der U-Bahn geschehen, in der Schule, im Wald, abends im Bett oder tagsüber beim Geschirrspülen. Beten, das sind nicht allein Worte, sondern auch Farben und Klänge. 
Beten gehört zu den Momenten des Glücks und den Stunden des Leids. 

Im 5. Kapitel des Jakobusbriefes steht:
„Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Muts, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl im Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.”

Beten heißt, die Seele in die Sonne halten, Wärme und Geborgenheit spüren. 

Verena Übler


Donnerstag, 1. Oktober

In Eichstätt steht im Kreuzgang neben dem Dom dieser wunderschöne Brunnen in Form eines Labyrinths. Das Wasser strömt dort aus der Mitte, fließt durch sämtliche Windungen, bis es am äußersten Rand ankommt.

Das Symbol des Labyrinths wurde bereits früh im Christentum verwendet. Vor allem in gotischen Kirchen stellen die Bodenplatten im Eingangsbereich manchmal begehbare Labyrinthe dar. Eines der bekanntesten (dem dieser Brunnen auch nachgebildet wurde) ist in die Kathedrale von Chartres in Frankreich.

Nicht zu verwechseln mit einem Labyrinth ist ein Irrgarten. Während man beim Irrgarten wegen der vielen Sackgassen erst den richtigen Weg suchen muss und man sich tatsächlich verirren kann, führt durch das Labyrinth genau ein Weg. Wer diesen Weg durch alle Windungen sorgfältig verfolgt, kommt auf jeden Fall sicher an.

Das Labyrinth kann als Symbol für den Lebensweg bzw. den Weg zu sich selbst verstanden, werden:
Jedes Leben hat viele Umkehrpunkte, viele unerwartete Wendungen. Manchmal geht es geradeaus auf ein Ziel zu - und dann kommt die nächste Wendung und man entfernt sich scheinbar wieder davon, verliert es oft ganz aus den Augen.

Aber auch die Umwege führen trotzdem zum Ziel. Egal, wie lange der Weg dauert, wie oft man die Richtung wechselt, wie oft man das Ziel (oder die Ziele) aus den Augen verliert – man kann auf dem Weg nicht verloren gehen und kommt am Ende in der Mitte an. 

Mathias Brandstätter
 


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