Mai 2020

​Sonntag, 31. Mai

Predigt siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 30. Mai

Wacholder, Brot und ein Krug Wasser

Eine meiner Lieblingsgeschichten der Bibel ist die vom Propheten Elia. Und da besonders die Wüsten-Szene. Elia hat das Kämpfen und Eifern und Ermahnen satt. Und zwar so richtig. Er ist fix und fertig und will am liebsten sterben. Deshalb geht er in die Wüste und legt sich unter einen Wacholderbusch. Mit einem letzten Gebet auf den Lippen schläft er ein.
Mir gefällt, wie menschlich der große Prophet Elia dargestellt wird. Er ist nicht der unantastbare, unfehlbare, heilige große Prophet. Er ist ein Mensch, der schwitzt und flucht ob der ganzen Plackerei, die das Prophetsein mit sich bringt. Er ist erschöpft, er weiß nicht mehr weiter und hat obendrein Angst, Gott zu enttäuschen. Und so ist ihm am Ende alles egal.
Aber es ist nicht das Ende. Er selbst ist Gott nämlich überhaupt nicht egal. Gott lässt ihn nicht sterben. Gott schickt ihm einen Engel, der ihn mit dem Lebensnotwendigen versorgt: Brot und Wasser. Auch das kann ich mir wieder so richtig gut vorstellen. Allein der Geruch von frisch gebackenem (oder getoastetem) Brot weckt doch die Lebensgeister. Elia greift zu. Stärkt und erfrischt sich. Und anscheinend tankt er auch innerlich auf, denn nach zweimaliger Stärkung macht er sich auf den Weg, seinen Auftrag weiter auszuführen.
Solche Szenen, wo jemand quasi eine Auszeit nimmt, gibt es etliche in der Bibel. Jona ist drei Tage im großen Fisch, Maria bleibt mehrere Wochen bei Elisabeth, selbst Jesus verschwindet für einige Zeit in der Wüste.
Und wir? Wir haben bestimmt auch schon die Erfahrung gemacht, dass Auszeiten gut tun und oftmals absolut nötig sind. Gut wäre, sie von vorneherein in unseren Alltag einzubauen und nicht erst in Ausnahmesituationen darauf gestoßen zu werden. Sollte Letzteres aber der Fall sein, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott auch uns einen Engel schickt mit Brot und Wasser im übertragenen Sinn. Gott hat kein Interesse daran, dass wir uns unter den Wacholder legen, um zu sterben. Das hat er an Ostern ein für alle Mal klar gemacht:
„Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Johannes 14, 19

[Die Elia-Geschichte kann bei 1. Könige 19 nachgelesen werden]

Verena Übler


Freitag, 29. Mai

Atem holen

An unserem Atem merken wir oft, wie es uns geht. Ob der Atem tief durch uns hindurch strömt oder ob wir flach atmen und beinahe atemlos sind. Ob wir atemlos durch den Tag hetzen oder ob wir in unserer Mitte ruhen. Unseren Atem – wie er kommt und geht – können wir ganz bewusst wahrnehmen. Er hält uns am Leben.
Der Rhythmus von Einatmen und Ausatmen bestimmt unser Leben. Atemnot ist bedrohlich und macht Angst.
Atemluft ist unser Lebenselement – ohne sie können wir nicht leben, ohne sie gibt es keine gesprochenen Worte und keinen Gesang. Im Alten Testament gibt es eine Beziehung zwischen „Atem, Geist und Lebenskraft“ und den Worten „Weite und Raum“. Aufatmen können. Mit tiefem Ausatmen löst sich oft auch unsere Anspannung.
Gottes Geist und unser Atem sind in der Bibel aufeinander bezogen. Nach Genesis 2,7 blies Gott dem Menschen „den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“ übersetzt Luther. Gott hat uns den Atem eingehaucht. Wir sind belebt vom Atem Gottes. „Gott gab uns Atem, damit wir leben“, heißt es in einem Lied.
Eine beeindruckende Szene wird im Johannesevangelium (Joh 20,22) geschildert: Jesus haucht, atmet, bläst seine Jünger an und sagt zu Ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Atmet ihn ein, nehmt ihn in Euch auf. Der Heilige Geist mit seiner Kraft wird spürbar.
Auch bestimmte Gebetsformen sind vom Rhythmus des Atems geprägt: Beim „Jesusgebet“ wird die Aufmerksamkeit beim Einatmen auf „Jesus“, beim Ausatmen auf „Christus“ gerichtet. Beim Einatmen nehme ich Gottes Gegenwart in mir auf, beim Ausatmen lasse ich los, was mich beengt. Das bewusste Ein- und Ausatmen wird zum Gebet.
Der Atem, das Ein- und Ausatmen, ist ein großes Wunder. Das Buch der Psalmen endet mit den Worten: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!“ (Psalm 150, 6).

Felix Breitling


Donnerstag, 28. Mai

Einfach verschwunden oder ein Versprechen

Eine Woche ist es her, dass er verschwunden ist. Einfach gen Himmel aufgefahren. Nicht mehr zu greifen, nicht mehr zu berühren. Leere bleibt zurück, die erst wieder gefüllt werden muss. Vieles geht nicht mehr und doch ist vieles möglich. Zum Beispiel von ihm zu erzählen, gemeinsam an ihn denken. Doch Zweifel kommen auf: Gibt es diese Gemeinschaft überhaupt ohne ihn? Wie können wir sie aufrechterhalten? Wie können wir sie beleben?

Ich kann mir vorstellen, dass die Jünger damals so oder so ähnlich gedacht haben. Ein Tröster war ihnen versprochen worden. Doch wer oder was sollte sie trösten?

Und die Jünger sind nicht schlecht überrascht, was dann kommt an Pfingsten. Das haben sie sich nicht träumen lassen. So hatten sie das nicht erwartet.

Wie stellen wir uns heute christliche Gemeinschaft vor? Wie kann sie gestärkt werden? Welche Rolle trauen wir Gott dabei zu? Und wovon lassen wir uns überraschen, welchen Tröster Er uns schickt?

Carolin Lochner


Mittwoch, 27. Mai

Humor

Humor ist das Salz der Erde. Und wer gut durchsalzen ist, bleibt lange frisch.
- Karel Capek -

Zwei Rentner sitzen im Park auf der Bank. Sagt der eine zum anderen: „Du, ich habe jetzt ein neues Hörgerät, das ist so toll, ich kann jetzt wieder alles hören!“
„Ja?“, fragt der andere, „was hat es denn gekostet?“ – „Halb vier!“

Bettgehzeit. Schon zum fünften Mal schickt die Mutter Fritzchen zurück ins Bett. Die Mama wird streng: „Du, liebes Kind, höre ich jetzt noch einmal das Wort ‚Mami‘, gibt es Ärger!“ Eine Weile ist es still, dann klingt es vorsichtig aus dem Kinderzimmer: „Frau Müller, ich hab so Durst… Kann ich bitte etwas zu trinken haben?“

Der Vater liest am Bett Märchen vor, damit der Sohn einschläft. Eine halbe Stunde später öffnet die Mutter leise die Tür und fragt: „Ist er endlich eingeschlafen?“ Antwortet der Sohn: „Ja, endlich…“

[Der Witz zum Sonntag aus: Sonntagsblatt, Evangelische Wochenzeitung für Bayern, 15.3.2020]

Verena Übler


Dienstag, 26. Mai

Schweigen 

Heute ein Text aus Taizé:

„Nicht nur still werden und den Lärm abschalten, der mich umgibt.
Nicht nur entspannen und die Nerven ruhig werden lassen.
Das ist nur Ruhe. Schweigen ist mehr.
Schweigen heißt: mich loslassen – nur einen winzigen Augenblick –
verzichten auf mich selbst, auf meine Wünsche, auf meine Pläne,
auf meine Sympathien und Abneigungen, auf meine Schmerzen und meine Freuden
– auf alles, was ich von mir denke und was ich von anderen halte, auf alle Verdienste, auf alle Taten.
Verzichten auch auf das, was ich nicht getan habe:
auf meine Schuld und auf alle Schuld der anderen an mir,
auf alles, was in mir unheil ist.
Verzichten auf mich selbst.
Nur einen Augenblick DU sagen und GOTT da sein lassen. (…)
Dann ist im Schweigen
Stille und Reden und Handeln und Hoffen und Lieben zugleich.
Dann ist Schweigen: Empfangen.“

Felix Breitling


​Montag, 25. Mai

FRIEDEN

Frieden – im Großen und im Kleinen.

Wichtig für die Welt, aber mindestens ebenso wichtig für dich und mich. Frieden auf engem Raum, Frieden in all unserer wiedergewonnenen Freiheit.

An dem Gebet von Franz von Assissi mag ich besonders den Begriff des Werkzeugs. Ich allein kann keinen Frieden machen, aber ich kann dazu beitragen, dass Frieden entsteht.

O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, da, wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass du mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Denn wer da hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.

(Franz von Assisi)

Carolin Lochner


Sonntag, 24. Mai

Predigt siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 23. Mai

Fundstücke

Schon lange nicht mehr daran gedacht und plötzlich fällt es einem in die Hände. Ach, hier ist es gewesen. Oder: Daran habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Einen Moment verharren. Erinnerungen werden wach.

Oder eine Blume am Wegesrand, die sich erst jetzt um diese Jahreszeit zeigt. Ich habe sie gefunden. Nicht gesucht, aber gefunden. Es ist in dem Moment, als ob man der einzige Mensch auf dieser Welt ist, der diese schöne Blume findet, ansieht und sich daran freut.

Jedes Jahr ist es im Tierpark Hellabrunn eine Meldung wert: Das Murmeltier ist wieder erwacht. Es wurde zum ersten Mal gesichtet. Viele Besucher*innen – derzeit streng abgezählt -, machen sich auf die Suche, um es auf seinem Gelände zu finden.

Ruhe finden. In der offenen Kirche. Bei einem Spaziergang die Gelegenheit nutzen, mal schnell in die Offenbarungskirche zu schauen. Für einen Moment Ruhe finden, Gedanken sammeln, eine Kerze anzünden. Mich von Gott finden lassen. Selbst Fundstück sein.

Fundstücke. Sie erzählen Geschichten, stecken voller Leben, sind mehr als nur das Ding allein. Ob es zum Fundstück wird, hängt davon ab, was wir damit machen.

Was sind Ihre Fundstücke?

Carolin Lochner


Freitag, 22. Mai

„Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut das Samen bringe und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. […] Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.“ 1. Mose 1, 11-12.20-21

Heute ist der „Internationale Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt“. München hat dazu eine reich bebilderte Broschüre herausgegeben und dazu einen Flyer mit Tipps, wie wir alle zur Erhaltung der Artenvielfalt beitragen können. https://ru.muenchen.de/2020/95/Tag-der-Artenvielfalt-Biologische-Vielfalt-in-Muenchen-sichern-91207

Zwergdeckelschnecke

Wussten Sie, dass es in München mind. 9000 verschiedene Arten gibt? Für eine Großstadt ist das ganz schön viel. Noch nie gehört habe ich zum Beispiel von der Bayerischen Zwergdeckelschnecke. Sie kommt weltweit nur in Münchener Quellen vor! Klar, dass ihr Lebensraum besonders geschützt werden muss. Aber nicht nur ihrer, denn die Schöpfung ist uns ja als Ganze anvertraut, dass wir sie „bebauen und bewahren“. Wir haben also eine Aufgabe und eine Verantwortung. Da wir Menschen Teil der Artenvielfalt sind, tun wir gut daran, nicht an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen.

Haben Sie Lust aktiv zu werden in Sachen Umweltschutz? Bei unserem ‚Umwelt-Team‘ sind Sie herzlich willkommen. Wenden Sie sich einfach per Mail an Mathias Brandstätter (mathias.brandstaetter@elkb.de).

Verena Übler


Himmelfahrt, 21. Mai

„Was es ist: Christus gen Himmel gefahren und sitzend zur Rechten Gottes, wissen wir nicht. Es gehet nicht also zu, wie du aufsteigst auf einer Leiter im Haus. Sondern das ist`s, dass er über allen Kreaturen und in allen Kreaturen ist.“ Martin Luther ist hier ziemlich zurückhaltend, wenn es um die bildliche Vorstellung von Christi Himmelfahrt ging.

Ein Antwerpener Maler aus dem 16. Jahrhundert, der die Himmelfahrt Christi malte, geht in seiner Darstellung der Himmelfahrt deutlich weiter. Unten stehen Maria und die Jünger und sehen auf den in den Himmel schwebenden Christus. Wie auf den meisten Himmelfahrtsgemälden des Mittelalters und Spätmittelalters werden hier nur der wallende Gewandsaum und seine Füße gezeigt. Unter seinen Füßen zeigen zwei Engel ein Spruchband, auf dem in Latein geschrieben steht: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ Seit dem 14. Jahrhundert kam dann noch ein interessantes Detail dazu: Auf dem Felsen unter dem in den emporschwebenden Christus tauchen nun seine Fußspuren auf.

Wenn ich an die Frage „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ denke und dann auf die Fußspuren sehe, dann wollte der Maler vielleicht mitteilen:
Jesus Christus ist nun der Herr der Welt über allen Kreaturen.
Aber vergesst nicht: Sucht seine Spuren hier auf der Erde - in allen Kreaturen.
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“
Schaut nicht hinauf, sucht seine Spuren hier mitten in der Welt, in euren Begegnungen, in eurem Alltag.
Und, der Gedanke liegt nahe: Tretet als seine Zeuginnen und Zeugen in seine Fußstapfen und gebt seine Botschaft weiter

(In Anlehnung an den Text „Anstößige“ Himmelfahrtsbilder von Wolfgang Raible)

Das Gemälde ist zu sehen unter:
https://museenkoeln.de/portal/bild-der-woche.aspx?bdw=2013_18

Felix Breitling


Mittwoch, 20. Mai

Zeit zum Gebet – Begegnung im Zwischenraum

Wie wohltuend ist es doch, wenn sich Zwischenräume auftun, ein Lichtblick das Dunkel erhellt, etwas durchscheint. Das Himmlische im Alltäglichen.

Ich möchte heute den Gedanken zum Tag aus Bamberg vom Montag weitergeben. Sie können ihn anhören oder lesen.

https://www.erloeserkirche-bamberg.de/2020-05-18-zeit-zum-gebet

Carolin Lochner


Dienstag, 19. Mai

Gott zieht

„Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte!“
Jeremia 31, 3

Ein Kind lässt am Strand bei herrlichem Wind einen Drachen steigen. Als die Schnur völlig abgerollt ist, sieht man den Drachen gar nicht mehr, so hoch ist er in die Wolken hinein geschwebt. Ein älterer Herr tritt zu dem Kind und fragt, was es da mache.
„Ich lasse meinen wunderschönen Drachen steigen!“ sagt das Kind stolz.
„Aber ich sehe gar keinen Drachen“, sagt der Mann. „Ich sehe ihn auch nicht“, antwortete das Kind, „und doch ist er da, ich fühle, wie er zieht.“

Gott,
so oft fragen wir Menschen uns, wo du bist.
Wir können dich nicht sehen. Darum bitten wir dich: Komm uns nah, lass uns spüren, wie du uns ziehst mit deiner Liebe und Treue, deiner Barmherzigkeit und Wahrheit.
Zieh kräftig! Zieh unser Leben in deine Nähe bis ans Ziel.
Amen.

Verena Übler

[in Anlehnung an Axel Kühner, Hoffen wir das Beste]


Montag, 18. Mai

Jeder Quilt ein Einzelstück

Die Museen öffnen wieder. Im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg eröffnet morgen die Ausstellung „Amish Quilts meet Modern Art“. Ende des 19. Jahrhunderts begannen die Frauen der Glaubensgemeinschaft der Amish People, gemeinsam in Patchworktechnik Quilts herzustellen. In Augsburg werden nun historische Amish Quilts und zeitgenössische Kunst zusammen gezeigt. „Im spannenden Wechselspiel suchen die Objekte aus den unterschiedlichen Epochen nach tragfähigen Antworten auf grundlegende Fragen unserer menschlichen Existenz“, so kündigt das Museum die Ausstellung an.
https://www.timbayern.de/ausstellung/sonderausstellung-amish-quilts-meet-modern-art/

Für einen Quilt werden viele bunte Stoffteile – oft auch Reste aus alten Decken oder Kleidungsstücken – zu einer großen Decke zusammengenäht. Die vielen einzelnen Teile ergeben zusammen ein ganz neues Muster oder Bild.

Ein „Quilt“ ist ein schönes Bild für unsere Glaubensgeschichte: Viele einzelne Teile kommen da zusammen: Die Taufe, Geschichten aus dem Kindergottesdienst, die Konfirmation und Jugendfreizeiten, viele Gespräche und Begegnungen. So wie die alten Stoffteile in einem Quilt zu einem neuen Bild zusammenkommen, ergeben auch die biblischen Geschichten, Gebete und alten Kirchenlieder, wenn sie mit unserer persönlichen Lebensgeschichte verwoben und vernäht werden, immer wieder neue Glaubensgeschichten.

Alle unsere Glaubens- und Lebenserfahrungen ergeben ein individuelles Muster, einen, unverwechselbaren „Quilt“ – jede Glaubensgeschichte und Gottes Geschichte mit uns ist ein „Einzelstück“.

Noch etwas: Bei den Amish people gibt es die Tradition, dass jeder Quilt einen kleinen Fehler enthält, um zu zeigen: Nur Gott ist perfekt!

Felix Breitling


Sonntag, 17. Mai

Ansprache siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 16. Mai

Die drei Siebe

„Ach hätte ich doch meinen Mund gehalten.“ Schnell ist etwas gesagt, was man eigentlich gar nicht sagen wollte. Worte, die gesagt wurden, sind in der Welt. Letztlich immer, aber ganz besonders in Situationen, in denen wir überfordert sind, die Nerven blank liegen oder wir leicht reizbar sind, ist es sinnvoll, nochmal kurz innezuhalten, bevor wir etwas sagen. Mir fällt dazu die folgende Geschichte ein:

Sokrates, der griechische Philosoph, bekommt Besuch von einem Bekannten.
„Hör mal, Sokrates, weißt du eigentlich, dass dein Freund …“
„Warte!“, unterbricht Sokrates seinen Gast. „Hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“
Der Bekannte ist verwundert. „Drei Siebe?“
„Ja“, antwortet Sokrates. „Das erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du das, was du mir sagen willst, auf seine Wahrheit überprüft?“
„Na ja, ich habe es nur gehört“, räumt der Bekannte ein. „Aber …“
„Das zweite Sieb ist das Sieb der Güte und des Guten. Ist das, was du mir sagen willst, denn gut, wenn es schon nicht wahr ist?“
Der Bekannte zögert. „Nein, eher im Gegenteil.“
Sokrates fährt fort. „Wenn es nicht wahr und nicht gut ist, ist es dann unbedingt notwendig, dass du es mir erzählst? Das dritte Sieb ist das Sieb der Notwendigkeit.“
Nun ist der Bekannte bedrückt. „Notwendig ist es nicht unbedingt.“
„Also, mein Freund, wenn das, was du mir sagen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, dann begrabe es bitte und belaste weder dich noch mich damit.“

(Quelle unbekannt).

Felix Breitling


Freitag, 15. Mai

Das Passwort

Ich teile heute einen Gedanken zum Tag aus der Bahnhofkirche Zürich in der Schweiz mit Ihnen.

Die Bahnhofkirche im Hauptbahnhof Zürich ist ein ökumenisches Angebot der katholischen und der reformierten Kirche von Stadt und Kanton Zürich und offen für alle Menschen, gleich welcher Religion oder Konfession. Sie ist eine Kirche am Weg, eine Werktagskirche. Herausgesucht habe ich das sogenannte Weg-Wort mit dem Titel: Passwort

https://www.bahnhofkirche.ch/2020/05/05/das-passwort/


Carolin Lochner


Donnerstag, 14. Mai

Der Globus

Ich nehme den Globus
von der Kommode
und halte gleichsam die ganze Erde
in beiden Händen.Schön zu sehen in bunten Farben
fünf Kontinente,
umgeben von Ozeanen und Meeren,
schön zu sehen aus dieser Warte… -

doch was sich dahinter verbirgt
auf unserer Erde
im Großen und Kleinen,
an Schicksal und menschlicher Tragik,
in den Hütten der Armen,
in den Booten der Flüchtenden,
zwischen den Fronten
als Spielball der Mächtigen,
das alles liegt nicht
in meinen Händen.

So stelle ich
bittend und hoffend
den Globus zurück an seinen Platz,
und stelle das Leben der vielen,
aber mein eigenes auch,
in deine Hände,
mein Gott.

Der Text von Karl Schmidt war ein geistlicher Impuls für eine Kirchenvorstandssitzung. Eingebracht von einer Kirchenvorsteherin. Er verknüpft sich für mich mit dem Spiritual: He’s got the whole world in his hands. Ja, Gott hält die Welt in der Hand. Darauf hoffe ich, darauf vertraue ich.

Verena Übler

 


Mittwoch, 13. Mai

Die Küche

Kartoffeln schälen, Zwiebeln schneiden, den Teig durchkneten – Kochen ist Arbeit, manchmal sehe ich es auch als ein Gebet mit den Händen und mit meinen Sinnen. Ich staune über die Vielfalt und Schönheit der Formen, der Farben, der Düfte, des Geschmacks – über die roten Paprika, die grünen Gurken, die knolligen Kohlrabis. Über die vielen Erscheinungsformen von Milch – Sahne, Joghurt, Quark, verschiedenste Käsesorten. Unglaublich, wie viele Gewürze es gibt. Ich finde es auch immer wieder beeindruckend, wie ein Hefeteig aufgeht.

Und wenn dann der Duft über der Küche liegt, dann kann ich Esau, den Bruder Jakobs, gut verstehen, dass er sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkauft hat, spontan, aus dem Bauch heraus.

Wer zusammen isst, der gehört zusammen. Wenn Jesus vom Anbrechen der neuen Welt Gottes spricht, dann verwendet er das Bild von einem großen Gastmahl: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit.

Die Küche ist ein Ort der Seelsorge. Was Luther mit Seele übersetzt, hebräisch die näphäsch, bedeutet ja eigentlich: die Kehle, der Schlund, der nach Essen und Trinken verlangt, voller Lebenshunger und Lebensdurst. Nach Leben in Fülle.

Essen hält Leib und Seele zusammen. Das wusste auch Luther: „Bei den Angefochtenen ist Enthaltsamkeit hundertmal schlechter als Essen und Trinken … Wenn ihr angefochten werdet durch Trübsal oder Verzweiflung oder durch eine Gewissensnot, dann esst, trinkt, sucht Unterhaltung …“ schreibt er.

Und ganz ehrlich: Die besten und intensivsten Gespräche finden auf Partys meistens in der Küche statt. Hier wird ein letztes Glas im Stehen getrunken und hier werden die letzten Reste aufgegessen.

 „Herr der Töpfe und Pfannen“ so lässt die spanische Mystikerin Theresa von Avila, die im 16. Jahrhundert gelebt hat, eines ihrer Gebete beginnen. Sie ist fest davon überzeugt: Gott ist auch in ihrer Küche. Er sieht sie, wenn sie Töpfe und Pfannen schrubbt und er würdigt das. Gott ist nicht nur der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde, sondern auch der Herr der Töpfe und Pfannen. Die Küche ist ein besonderer Ort – schätzt ihn nicht gering.

Felix Breitling


Dienstag, 12. Mai

Kontaktbeschränkung statt Ausgangsbeschränkung. Es fühlt sich gleich viel freier, legaler an auf einer Parkbank zu sitzen, die Wohnung zu verlassen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Wieder gewonnene Freiheit tut der Seele gut. Mit der Freiheit kommt auch die Verantwortung.

Und diese Verantwortung ist nun von jedem Einzelnen gefragt. Für sich und vor allem auch für andere. Jeder muss nun wieder für sich prüfen: Wie nahe komme ich anderen Menschen? Welcher Weg ist notwendig? Was kann ich wieder wagen, ohne andere zu gefährden? Wie ist mein Mundschutz tatsächlich ein Schutz für andere?

Paulus schreibt im Brief an die Philipper im ersten Kapitel, Verse 9 und 10: Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei.

Die Liebe wünsche ich uns, die Liebe für die Menschen, um uns herum, zu Hause, die Nachbarn, die Menschen auf der Straße, die Verkäufer*innen, die Menschen in den Pflege- und Seniorenheimen, Schüler*innen und Lehrkräfte, allen Menschen, denen wir begegnen. In der Liebe den anderen und seine Sorgen erkennen und mit Menschen Erfahrungen machen. Ein genaues Hinsehen in Distanz ist derzeit von Nöten mit verdecktem Mund und Nase. Ein genaueres und vielleicht auch längeres Hinsehen. In der Liebe prüfen, was das Beste sei. Erkennen, erfahren, tun.

Carolin Lochner


Montag, 11. Mai

„Öffentliche Gottesdienste“ endlich wieder möglich.“

Ein wenig irreführend war diese Schlagzeile ja schon. „Öffentlich“ waren ja auch die vielen digitalen spirituellen Angebote in den letzten Wochen, die Online- und Fernseh-Gottesdienste, die Andachten und geistlichen Impulse. Manches wurden gestreamt, anderes erst gedruckt und dann in den Kirchen zum Mitnehmen ausgelegt. Landauf, landab waren die Gemeinden „öffentlich“ kreativ, um mit den Menschen in Kontakt zu sein und die Frohe Botschaft zu verkünden.

Gemeint war mit der Schlagzeile natürlich, dass man seit gestern wieder direkt in den Kirchen Gottesdienst feiern darf. Unter bestimmten Auflagen, wie z.B. Mund-Nase-Bedeckung, Abstandsgebot und Hände-Desinfektion.

Auch bei uns hat der erste solche Gottesdienst stattgefunden, in der Offenbarungskirche, so wie im Jahresplan vorgesehen.

Für mich war es komisch und schön zugleich. Komisch war vor allem, mit der Mund-Nase-Bedeckung da zu sitzen. Es sieht befremdlich aus, das Atmen ist anstrengend, die Brille beschlägt. Schön war es, mit den anderen gemeinsam im Kirchenraum zu sitzen und eben gemeinsam den Gottesdienst zu feiern. Nicht ganz wie gewohnt, denn wir haben nicht gesungen, sondern uns im Summen probiert, aber eben doch miteinander. Beim Fernsehgottesdienst – der grundsätzlich auch eine schönes Angebot ist – habe ich persönlich mich in den letzten Wochen doch stark als Zuschauerin erlebt, weniger als Mitfeiernde.

Es tut gut, im Kreis Gleichgesinnter Gott zu loben, über einen biblischen Text nachzudenken, zu beten, an Verstorbene Gemeindeglieder zu denken, der Orgel zu lauschen. Dieses inmitten von Gleichgesinnten zu sein, gibt mir Kraft.

Und wenn ich dann noch in der Predigt bei allem Schweren und Ungewissen, das auch benannt und nicht geleugnet werden muss, Hoffnung zugesprochen bekomme, dann kann ich wirklich gestärkt in die neue Woche gehen. Die Hoffnungsworte, mit der die Predigt von Pfarrer Breitling endete, gebe ich Ihnen hier noch mit für Ihre kommende Woche:

„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." (Römer 8, 38-39)


Verena Übler

P.S. Nächsten Sonntag feiern wir um 10 Uhr Gottesdienst in der Rogatekirche.


Sonntag, 10. Mai

Ansprache siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 9. Mai - Geburtstag von Sophie Scholl

Am 9. Mai 1921, heute vor 99 Jahren, wurde Sophie Scholl in Forchtenberg geboren. Lina Sofie steht in der Geburtsurkunde. „Sofie – mit ,f‘ und unterstrichen – sollte ihr Rufname sein, und so haben es in der Regel alle für die nächsten zwanzig Jahre gehalten, auch sie selbst. Die Eltern und die älteste Schwester Inge blieben dabei – aber Sofie selbst hat sich ungefähr nach dem zwanzigsten Lebensjahr immer öfter ,Sophie‘ genannt“ schreibt die Biographin Barbara Beuys.[1]

Der Gedanke zum Tag ist heute ein Gebet [2], das Sophie Scholl am 15. Juli 1942 in ihr Tagebuch geschrieben hat:

Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit.
Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, damit Dein Same nicht umsonst in sie falle, wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer, den ich so oft nicht mehr sehen will.

 

Ich bitte Dich von ganzem Herzen, zu Dir rufe ich, „Du“ rufe ich, wenn ich auch nichts von Dir weiß, als daß in Dir allein mein Heil ist, wende Dich nicht von mir, wenn ich Dein Pochen nicht höre, öffne doch mein taubes Herz, mein taubes Herz, gib mir die Unruhe, damit ich hinfinden kann zu einer Ruhe, die lebendig ist in Dir.
O, ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mit mir nach Deinem guten Willen, ich bitte Dich, ich bitte Dich.

Dir in die Hand will ich meine Gedanken legen an meinen Freund, diesen kleinen Strahl der Sorge und der Wärme, diese winzige Kraft, verfüge Du mit mir nach deinem besten, denn Du willst es, daß wir bitten und hast uns auch im Gebet für unseren Bruder verantwortlich gemacht. So denke ich an alle anderen. Amen


Felix Breitling


[1] Barbara Beuys: Sophie Scholl. Biografie, Berlin 22017, 30f.

[2] Hans Scholl und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen, hg. von Inge Jens, Frankfurt, 92005, 261.


Freitag, 8. Mai

Der Krieg ist aus.

Ich versuche mir vorzustellen, welche Gefühle diese vier Worte vor 75 Jahren in den Menschen ausgelöst haben. Erleichterung? Ungläubigkeit? Freude? Angst?

Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem. Noch wusste man ja nicht, wie es weitergehen würde. Die Zukunft war sehr ungewiss.

Bei meinen Senioren-Geburtstagsbesuchen vor 20 Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Männer, kaum dass ich die Wohnung betreten hatte oder auf einem Stuhl saß, schon mitten im Krieg waren. Viele Geschichten habe ich erzählt bekommen, viele Tränen sind geflossen auch Jahrzehnte nach Kriegsende. Für mich als junge Frau war das sehr bewegend. Die Erfahrungen und Erlebnisse des Krieges haben viele Menschen ein Leben lang nicht losgelassen. Vor allem auch, weil es zu der Zeit damals wenig Kenntnisse über posttraumatische Belastungsstörungen und den Umgang damit gab. Vieles wurde im allgemeinen Aufschwung verdrängt und unterdrückt, aber eben nicht verarbeitet.

Inzwischen leben viele Zeitzeug*innen nicht mehr. Wir können kaum mehr aus erster Hand erfahren, wie es damals im Krieg war. Um so wichtiger ist es, dass wir selbst die Erinnerungskultur pflegen und uns immer wieder ins Bewusstsein rufen, welch kostbares Gut der Frieden ist. Uns zu erinnern ist wichtig für den Blick nach vorn, um die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Einer unserer Konfirmanden hat sich als Konfirmationsspruch einen Vers aus der Bergpredigt Jesu, aus den Seligpreisungen ausgesucht: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5, 9)

Ich freue mich, dass auch ein junger Mensch, der 60 Jahre nach Kriegsende geboren wurde, ein Gespür für die Bedeutung von Frieden hat. Das lässt mich hoffen. Vor allem auch angesichts zunehmender nationalistischer und rechtspopulistischer Entwicklungen bei uns und in Europa insgesamt.

Frieden fällt nicht vom Himmel, es ist unser aller Aufgabe, uns unermüdlich für Frieden einzusetzen – „Frieden zu stiften“ - je an unserem Ort.


Verena Übler


Donnerstag, 7. Mai

Es jammerte ihn

Jesus zieht durchs Land, er heilt Menschen und nimmt wahr, dass das Elend der Menschen groß ist. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn, heißt es.

„Es jammerte ihn“. Im aktiven Sprachgebrauch ist diese Wendung wahrscheinlich äußerst selten. Vielleicht kommt sie auch nur in der Bibel vor. Das Wort das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt hat, bedeutet im Griechischen, die Not eines anderen so wahrzunehmen, dass es einem an Herz und Nieren geht und die Innereien buchstäblich durcheinanderbringt.[1] Man könnte auch sagen, es geht einem durch Mark und Bein oder durch und durch.

„Kyrie eleison“, Herr erbarme dich, „Christe eleison“, Christus erbarme dich - beten wir im Gottesdienst. Wir bitten das einen Herrn, der nicht teilnahmslos über uns steht, sondern, den es jammert und der sich über uns erbarmt.
Wir bekennen uns damit als Menschen, die sich nach heilem Leben sehnen, die Gottes Zuwendung bedürfen und die in ihrem Leben auf Erbarmen angewiesen sind. Das hat nichts mit sich klein machen zu tun. Ich glaube eher mit ehrlicher Selbsterkenntnis.

Wenn ich mir dessen bewusst bin, dann sollte es kein Gefälle mehr im Miteinander geben, sondern echte Solidarität – denn der und die andere ist so bedürftig nach Zuwendung wie ich und ich bin so bedürftig wie die und der andere.

Das „Es jammerte ihn“ Jesu, das ist keine Betroffenheit à la „Ach ja, das ist schlimm.“
Nein, es geht ihm an Herz und Nieren, die Not der Menschen rührt ihn zutiefst an. Jesus sieht die konkrete Notsituation der Menschen und will ihr ein Ende machen.

Er sammelt seine Jünger und Jüngerinnen zusammen, schickt sie auf den Weg und gibt ihnen Macht, zu heilen. Er traut und mutet ihnen damit einiges zu. Menschen, die als Fischer aus ganz normalen Berufen kamen, die als Zöllner bei anderen verhasst waren und die auch später - wie Petrus und Judas - ihre Fehlschläge tun werden. Er beruft Menschen, die selbst zutiefst auf Erbarmen angewiesen sind.

Auch wir sind auf den Weg geschickt, für andere heilsam zu sein, miteinander und aufeinander angewiesen. Übrigens: Jesus hat seine Jünger nie alleine auf den Weg geschickt.


Felix Breitling


[1] Vgl. Beintker: Rechtfertigung, 176.
 

Mittwoch, 6. Mai

Letzte oder vorletzte Woche wurde in einem Tagesschau-Extra ein kleines Mädchen gefragt, was denn dieses Zuhausebleiben wegen Corona mit ihr macht. Sie hat dann ungefähr folgendes geantwortet: „Also manchmal, da ist es dann so, also, da muss man dann einfach in sein Zimmer gehen und sich auf’s Bett werfen und mal heulen.“
Ja, so ist das in der Tat. Manchmal muss man einfach eine Runde heulen. Das tut gut und hinterher sieht man meistens irgendwie klarer.

Das findet auch Anna, wie man in einem ihrer Briefe an Mister Gott nachlesen kann:
„Lieber Mister Gott! Heute schreib ich dir über meinen Freund Fynn. Es gibt ja welche, die nicht genau wissen, wie Fynn ist, und das find ich traurig, weil Fynn, das ist der beste Mensch von der Welt. Er ist sehr groß und stark, aber er ist trotzdem sehr nett und sehr lieb. Er kann mich mit Schwung in die Luft werfen und dann auch wieder auffangen. Wie ein schöner Baum aus Mensch ist er. Aber das weißt du ja auch.
Fynn sagt, wenn man in einem Haus wohnt, wo die Scheiben ganz schmutzig sind, und guckt raus, dann meint man, die Welt draußen ist so schmutzig, dabei ist sie es gar nicht. Und wenn man von draußen reinguckt ins Haus, dann denkste, es ist innen ganz schmutzig, aber das stimmt auch nicht. Es sind immer nur die Fenster, die schmutzig sind. Und Fynn sagt deshalb, nämlich, dass alle Menschen zwei verschiedene Arten von Fenstern haben: die Augenfenster, davon haben sie zwei, und das Herzfenster, davon hat jeder nur eins. Die Augenfenster sind da, um rauszugucken, und das Herzfenster ist da, um nach innen reinzugucken.
Wenn man weint, sagt Fynn, dann ist das nicht nur wegen was Traurigem. Es ist auch dafür, dass man mal die Augenfenster putzen muss. Wenn sie dann sauber geworden sind von den Tränen, kann man besser durchgucken, und dann ist die Welt wieder viel heller als vorher.
Manchmal guck ich lieber durch’s Herzfenster wie durch die Augenfenster. Weil, draußen kenn ich bald alles, was es zu sehen gibt. Aber wenn ich durch’s Herzfenster nach innen reinguck, da seh ich immer Neues. Bei mir auch. Denn von Innen, sagt Fynn, kennt sich niemand so gut, wie er seinen Garten kennt oder die Leute von gegenüber. Und das ist, weil das Herzfenster aus anderem Glas ist. Nach draußen, durch die Augenfenster, siehste meistens klarer, findet Fynn.
Aber ich glaub, ich seh mit dem Herz besser.“

Also, putzen wir unsere Augenfenster, wenn sie es nötig haben, damit wir wieder klar sehen, was draußen vor sich geht. Und versäumen wir aber auch nicht, durch’s Herzfenster nach innen zu gucken. Ich bin sicher, da gibt es viel zu entdecken. Viel, das uns Mut macht und Kraft gibt. Viel, das uns Durchhalten lässt.

Verena Übler

P.S. - das Anna-Zitat ist aus: Fynn „Anna schreibt an Mister Gott“, Fischer-Verlag 2000


Dienstag, 5. Mai

Jubilate!

„Jubilate – Jubelt!“ Das Thema des Sonntags vorgestern. Doch jubeln in diesen Tagen? Worüber oder worauf freuen? Planbar ist gerade gar nichts. Es ist ein Leben in Ungewissheit. Ein Leben von Tag zu Tag, Woche zu Woche. Keiner kann sagen, was in 3 Monaten ist, wie Leben bei uns sein wird. Erste Schritte geht es gefühlt vorwärts. Doch unsicher ist die neue Freiheit. Wie reagieren die Mitmenschen? Nehmen sie Rücksicht auf mich? Wie lange dauert sie an, die neue und doch so andere Freiheit? Wir wissen es nicht. Die Vorfreude auf weiter Entferntes hat es gerade schwer…

Doch was ist Freude? Mit dem dänischen Philosophen und Theologen Soeren Kierkegaard gesprochen: Zu sein heißt für heute da sein – das ist Freude. Besonders jetzt, wo es Frühling ist, da gibt es für ihn Anlass zur Freude:

Es wird Frühling; Vögel schwärmen herbei, dich zu erfreuen; das Grün sprießt, der Wald wächst schön und steht da wie eine Braut, um dir Freude zu schenken.

Bestimmt fallen Ihnen noch weitere Bilder des Frühlings ein, die Sie erfreuen oder erfreut haben in diesen letzten Tagen: Tulpenmeere, Entenküken, Pfützen, die die Kinder erfreuen, Bienensummen, Pusteblumen, gelbe Wiesen voller Löwenzahn, und und und. Mir fällt da auch die Nachbarin ein, welche jedes Jahr liebevoll und mit großem Zeitaufwand den ganzen Wohnblock mit verschiedensten Blumen umsäumt. Es ist immer eine Freude, daran vorbeizulaufen. Egal, wie es mir gerade geht.

Kierkegaard fragt: All das sollte nichts sein, worüber du dich freuen kannst?

Jubilate – jubelt!

Caroline Lochner


Montag, 4. Mai

Weißt du, wie ich manchmal fühle?

In einer Zeit, in der der gewohnte Alltag und die gewohnte Abwechslung fehlen, erleben viele Menschen gerade ganz viele unterschiedliche Gefühlszustände und Stimmungen: Müdigkeit, Wut, Gelassenheit, Angst, eine große Ruhe, Aggressivität, Ohnmacht und viele andere.
Wir sollten uns für unsere Gefühle nicht verurteilen. Ich glaube, es ist wichtig, sie wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen. Wir tun uns nichts Gutes, wenn wir unsere Gefühle verdrängen.
Wenn ich immer mal wieder innehalte mitten am Tag und mir bewusst werde, wie es mir im Moment geht, dann lerne ich mich besser kennen und merke, ich bin bestimmten Situationen im Alltag und meinen Gefühlen, die damit einhergehen, nicht ausgeliefert.

Vielleicht kennen Sie die folgende Geschichte:
Eine alte Indianerin saß mit einem jungen Mädchen am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden, das Feuer knackte, die Flammen züngelten zum Himmel. Die Frau sagte nach einer Weile des Schweigens: „Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere ist liebevoll, sanft und mitfühlend.“
Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?“ fragte das Mädchen. Bedächtig antwortete die alte Frau dem Mädchen: „Der, den ich füttere.“ [Quelle unbekannt]


Manchen Menschen tut es gut, ihre Gefühle vor Gott zu bringen, andere schreiben ein Tagebuch, andere wieder erzählen davon einer guten Freundin oder einem vertrauten Freund.
Dann ist es ausgesprochen, in Worte gefasst, zu Papier gebracht.
Unsere Gefühle sind etwas vom Wichtigsten, was wir Menschen haben. Deshalb sollten wir unsere eigenen und die Gefühle von anderen nicht kleinreden.
Erst wenn ich die beiden Wölfe gut kenne und weiß, weshalb sie so reagieren, dann weiß ich mit der Zeit, wie ich mit ihnen umgehe.

Felix Breitling


Sonntag, 3. Mai

Videoansprache siehe "Predigten zum Nachhören"

Wissen Sie ihn noch? Ihren Konfirmationsspruch? Meiner geht so: „Denn wer da bittet, der empfängt, wer da sucht, der findet und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Er steht bei Matthäus 7, 8. Vor ziemlich genau 40 Jahren, nämlich am 11. Mai, bekam ich ihn in Erlangen in der Thomaskirche zugesprochen. Seitdem begleitet er mich.

Wir haben unsere Konfirmanden und Konfirmandinnen gebeten, sich selbst per Video aufzunehmen und uns ihren Konfirmationsspruch zu sagen. Sie haben ihn sich selbst ausgesucht und hätten ihn heute bei der Konfirmation zugesprochen bekommen.
Eigentlich.
Sehen und hören Sie selbst. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Verena Übler


Samstag, 2. Mai

Kennen Sie Kommissar Beck? In der schwedisch-deutschen Krimiserie ermittelt Martin Beck als Leiter der Stockholmer Kriminalpolizei in schwierigen Mordfällen. Mir gefällt besonders eine der Nebenpersonen und zwar der komische Nachbar von Kommissar Beck. Die beiden begegnen sich immer auf ihren nebeneinanderliegenden Balkonen. Der Nachbar möchte gern Freundschaft schließen und bei einem Gläschen Wein über Gott und die Welt philosophieren. Allerdings überrumpelt er den zurückhaltenden Kommissar immer etwas mit seiner unkonventionellen Art.
Einmal geht es um die Frage, ob der Nachbar an Gott glaubt.
Er antwortet: „Sagen wir mal so: Für mich ist Gott ungefähr das, was die Fährschiffe nach Maksund für die Möwen sind.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Man folgt ihnen und hält doch einen gewissen Abstand dabei. So hat man sein ganzes Leben jemanden, der einem die Route vorgibt.“

Ich finde dieses Gottesverständnis gar nicht schlecht. Die Möwen sind mal näher dran, mal weiter weg vom Fährschiff. Wahrscheinlich können sie nicht ganz erfassen, was ein Fährschiff ist, aber sie wissen, dass es ihnen gut tut. Sie bleiben in Kontakt. Das ist der vielleicht wichtigste Punkt für mich an diesem Vergleich: mit Gott in Kontakt bleiben.

Morgen wäre für unsere 12 jungen Konfirmand*innen der große Tag gewesen – ihre Konfirmation. Wir haben sie aus gutem Grund auf nächstes Jahr verschoben.
Ich wünsche mir  für unsere Konfirmand*innen, dass sie mit Gott in Kontakt bleiben. Ich weiß nicht, ob Gott uns so genau wie ein Fährschiff die Route durch’s Leben vorgibt. Wenn man Route aber durch Maßstäbe ersetzt – oder durch den heute oft ungeliebten Begriff „Gebote“ – dann kann man, finde ich, getrost folgen. Unterm Strich geht es dabei doch ganz einfach um die Liebe.

„Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Markus 12, 29-31)

Dass unsere „Konfis“, genau wie wir alle, selbst fliegen und gleichzeitig auf diese Route vertrauen, dafür bete ich.


Verena Übler


Freitag, 1. Mai

Alles neu

„Alles neu macht der Mai“. Diese Redewendung stammt aus einem Lied: „Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei. Lasst das Haus, kommt hinaus! Windet einen Strauß! Rings erglänzet Sonnenschein, duftend prangen Flur und Hain: Vogelsang, Hörnerklang tönt den Wald entlang.“ Nach den Eisheiligen Mitte Mai ist der Winter dann wirklich vorbei. Die Saat kann jetzt sicher wachsen. Die Liedstrophe ist voller Aufbruch, Frühlingslaune und Energie, all dem, wonach ich mich gerade sehne.

Neuanfänge und das Neuwerden sind ein großes Thema in der Bibel. Die Bibel erzählt von Menschen, die aus ihrer Trauer ins Leben gehen. Von Menschen, die nach Schuld Vergebung erfahren. Von Menschen, die aufbrechen. Das Vergangene nehmen sie mit, oft bleiben Narben. Und doch fangen sie neu an. Gott fängt neu mit ihnen an.

 „Siehe, ich mache alles neu“. Dieses große Versprechen für uns Menschen und für die Welt steht im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

In diesen Wochen hoffe ich besonders auf Neuanfänge für diejenigen, die unter dem Virus, und dem, was er mit sich bringt, leiden.

Du Gott des Anfangs,
du bist es, der Neues schafft.
Was hinter uns liegt – es bleibt.
Jeder Gedanke. Jedes Wort. Jede Tat.
Wir bitten Dich: Hilf uns immer wieder, neu anzufangen.
Gib, dass uns Vergangenes nicht zur Last wird,
und uns die Erinnerung nicht den Blick für die Gegenwart verstellt.
Leite unsere Schritte in die Zeit, die vor uns liegt,
durch deinen guten Geist,
den Geist der Hoffnung und des Vertrauens,
den Geist des Friedens und der Liebe.
Amen.
 

Felix Breitling