Gedanken zum Tag, 20. - 26. April

Sonntag, 26. April

Wort zum Sonntag von Pfarrer Felix Breitling


Samstag, 25. April

„Bohnen zählen“

Dies ist die Geschichte von einem Grafen, der sehr, sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer par excellence war.
Der Graf verließ niemals das Haus, ohne zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen. Nein, er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und um diese besser zählen zu können.
Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte, zum Beispiel einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen seiner Frau, ein köstliche Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, für alles, was seine Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei.
Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich noch einmal vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich daran. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne aus der linken Jackentasche holte, war für ihn der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.
[Quelle unbekannt]


Zur Zeit sind die schönen Momente des Tages wahrscheinlich ganz andere als noch vor einigen Wochen. Sind es auch weniger? Vielleicht ist das „Bohnen-Zählen“ eine gute Übung, um festzustellen, es gibt sie auch jetzt, die schönen Augenblicke. Wichtig ist, sich nicht unter Druck zu setzen. Vielleicht ist es tatsächlich nur eine Bohne, die man am Abend aus der Tasche holt. Aber die Erinnerung an diesen einen Moment gibt Kraft für den nächsten Tag.

Verena Übler


Freitag, 24. April

Einige Äußerungen aus den vergangenen Tagen gehen mir gerade durch den Kopf. Beim Gespräch über den Zaun hinweg, sagte ein Vater gestern: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass vieles wichtiger ist als das Wohl von Kindern.“

Auf Medienberichte, dass zwar Spieler der Bundesliga umfassend getestet werden sollen, es für die Einrichtungen der Altenhilfe aber keine flächendeckenden Tests gibt, reagierte der Präsident der Diakonie Bayern, Michael Bammessel: „Es ist ein Unding, wenn Profifußballer besser geschützt werden sollen als pflegebedürftige Menschen. Bis genügend Testmaterialien und Laborkapazitäten vorhanden sind, müssen Schutzbedürftige und Pflegekräfte Vorrang haben vor Bundesligaspielen.“

Und der Magdeburger Bischof Feige sagte, auch wenn es ihm weh tue, dass immer noch keine öffentlichen Gottesdienste stattfinden können, frage er sich dennoch, ob die Gottesdienstausfälle angesichts des Leids großer Teile der Bevölkerung nicht fast  "Luxusprobleme" sind.

Wann können Kindergärten wieder öffnen? Wann können Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenheimen wieder Besuch empfangen? Sind Bundesligaspiele gerade wirklich notwendig? Wie wichtig sind Gottesdienste? Es geht darum, Menschen vor dem Virus zu schützen, es geht aber auch um die psychische Gesundheit vieler, es geht um den Schutz von alten Menschen und gleichzeitig um die Rechte von Kindern und es geht um die wirtschaftliche Existenz vieler Menschen.

Mit den Worten „In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige“ hat der österreichische Satiriker Karl Kraus treffend die Herausforderung der Entscheidung beschrieben und ich beneide derzeit keine und keinen darum, die oder der in dieser unüberschaubaren Situationen Verantwortung für das öffentliche Leben trägt, abwägen und solche weitreichenden Entscheidungen treffen muss.

Ich meine, dass wir als Christinnen und Christen konstruktive Impulse in unsere Gesellschaft und in die gegenwärtige Diskussion hineingeben können. Nüchtern und besonnen. Überlegt. Getragen von der Liebe Gottes, im Vertrauen auf Gottes Vergebung und überzeugt vom Gebot der Nächstenliebe.

Vor dem Hintergrund der jetzigen Situation gewinnt für mich auch die Fürbitte für diejenigen, die Verantwortung für das öffentliche Leben tragen und Entscheidungen treffen, an Bedeutung:

„Barmherziger Gott, wir bitten Dich für alle, die in dieser schwierigen Zeit Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen müssen. Schenke ihnen Weisheit, Kraft und Besonnenheit. Amen.“                                                                            

Felix Breitling


Donnerstag, 23. April

Die Tageslosung für heute steht beim Propheten Jesaja (Kapitel 44, Vers 21):
„Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht!“

Und dazu wurde als sogenannter Lehrtext ausgesucht:
„Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ (Hebräerbrief 10, 35)

Vertrauen oder Misstrauen? Optimismus oder Pessimismus? Halbvolles oder halbleeres Glas? Wie stehen Sie dazu? Leben Sie einen gepflegten Pessimismus, getreu dem Motto, „dann kann ich auch nicht enttäuscht werden“ bzw. „dann freue mich um so mehr, wenn es anders kommt“? Oder schauen Sie zuversichtlich auf das, was kommt, und genießen die Zeit bis dahin, nach dem Motto „um Probleme kümmere ich mich dann, wenn sie auftauchen“?

Und woher kommt die jeweilige Einstellung? Ist sie angeboren oder angelernt? Kann man sich in die eine oder andere Richtung entwickeln? Und welche Rolle spielt Gott dabei?

In der Tageslosung steckt ein großartiges Versprechen Gottes. Gott verspricht Israel, es nicht zu vergessen. Und zwar, ganz einfach, weil Israel zu Gott gehört. Dieses Versprechen musste Jesaja immer mal wiederholen, weil Israel ja im Exil war und desöfteren kurz davor, das Vertrauen zu Gott zu verlieren.

Daher passt der zweite Vers aus dem Hebräerbrief ganz wunderbar, denn auch da geht es darum, nicht den Glauben zu verlieren bzw. wegzuwerfen. „Glauben“ oder eben „Vertrauen“, die beiden Begriffe sind austauschbar. An Gott festhalten, den Glauben nicht verlieren, das Vertrauen beibehalten, wie auch immer, es ist nicht immer leicht. Auch in diesen Tagen nicht. „Eine große Belohnung“ wird in dem Vers erwähnt. Was kann das sein? Ein Topf voll Gold? Wahrscheinlich nicht. Ich glaube, es ist auch keine zukünftige Belohnung, sondern eine, die wir schon erhalten haben. Wir haben es uns gerade erst wieder vergegenwärtigt, als wir Ostern gefeiert haben. Dass Christus auferstanden ist, das ermöglicht uns ein freies, vertrauensvolles, erlöstes Leben. Es lohnt sich, das Vertrauen zu Gott nicht wegzuwerfen, sondern daran festzuhalten  - alle Tage!


Ostern alle Tage

Trotzdem wieder aufstehen
nicht jubelnd
nicht erlöst
nicht heiliggezaubert
aber aufstehen

Gott etwas zutrauen
keine Allmacht
keine Heerscharen
kein Donnergetöse
aber zutrauen

Im Totenreich nicht heimisch werden
das letzte Wort nicht selber sprechen
und morgen wieder aufstehen

(von Carola Moosbach)

Verena Übler


Mittwoch, 22. April

„Auf Wiedersehen beim 3. Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt – so Gott will und wir leben.“ Mit diesem Zusatz enden die Abschlussgottesdienste des Deutschen Evangelischen Kirchentags. „So Gott will und wir leben“. Früher befremdeten mich diese Worte und machten mir beinahe etwas Angst. Sie stammen aus dem Jakobusbrief (Jak 4,13-15). Jakobus hat sie damals für Kaufleute geschrieben, die vollmundig gesagt haben: „Heute oder morgen wollen wir in die eine oder andere Stadt gehen und ein Jahr dort bleiben, Handel treiben und Gewinn machen.“ Darauf entgegnet ihnen Jakobus: „Ihr wisst doch noch nicht mal, was morgen ist. Stattdessen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“

Niederländische Kaufleute haben später dafür eine Abkürzung erfunden. SCJ – Sub conditione jacobea – unter dem Vorbehalt von Jacobus. „So Gott will und wir leben, werden wir dieses oder jenes tun.“ Unsere Geschäfte können wir nur führen, wenn Gott will und wir leben. Wir haben nicht alles in der Hand. Daher anstatt „Wir wollen“ eher: „Wenn der Herr will“.

Mittlerweile stehe ich diesen Worten „So Gott will und wir leben“ anders gegenüber. Ich sehe sie als einen Aufruf dazu, uns als Menschen in unseren Grenzen zu sehen. Es ist nicht alles von uns abhängig und wir haben nicht alles in der Hand.

Es liegt zwar an mir, genau zu planen, und möglichst – wenn das überhaupt geht – meine Pläne bis ans Ende und die Folgen zu bedenken; auch nicht nur bis morgen zu planen, und dabei mein Menschenmögliches zu tun. Mein Menschenmögliches. Aber letztlich bleibt dieser Rest, den wir als Menschen nicht in der Hand haben.

Diese Begrenztheit unseres Planens erlebe ich gerade. Lange geplante Großveranstaltungen werden abgesagt. Wann alle Kinder wieder in die Schule gehen werden, wie unser Gemeindeleben in diesem Jahr aussehen wird und vieles andere wissen wir noch nicht.

„So Gott will und wir leben.“ Diese Worte erinnern mich daran: Gott ist Gott und wir sind Menschen – und als solche haben wir die Zukunft nicht vollkommen in der Hand.

Felix Breitling


Dienstag, 21. April

Jesaja 40, 31:
Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.


Einer meiner Lieblingssprüche in der Bibel. Er war am vergangenen Sonntag Teil des Predigttextes.

Die Vorstellung aufzufahren mit den großen Schwingen des Adlers, immer höher, immer weiter, dem blauen Himmel entgegen und dann schweben, mich tragen lassen, durch die Luft gleiten. Los lassen. Losgelöst.

Und dann in meiner Vorstellung der Blick nach unten. Ich sehe mich, meine Wohnung, meine Nachbar*innen, meine Straße, mein Stadtviertel, München, die Berge.

Der Abstand weitet den Blick. Und gleichzeitig habe ich den scharfen Adlerblick. Mit Übersicht, aber gestochen scharf. Der getrübte Blick wird klar. Der Körper streckt sich, ich bekomme neue Kraft.  

 

Herr, schenke mir Vertrauen und Weitblick. Lass mich nicht müde und matt werden, in den Herausforderungen des Alltags zu gehen und zu wandeln. Amen.

Carolin Lochner


Montag, 20. April

Ein bisschen noch

Neulich musste ich an meinen alten Kassettenrecorder denken. Der stand griffbereit neben meinem Bett. Und wenn abends bei „Pop nach Acht“ mit Thomas Gottschalk im Radio ein gutes Lied kam, dann hab ich blitzschnell auf den Aufnahmeknopf gedrückt. Hat sich später herausgestellt, dass das Lied doch nicht sooo toll war, oder die Aufnahme schlecht, hab ich einfach zurückgespult und was Neues aufgenommen.

Ich hätte gern so einen Recorder für die Welt. Dann würde ich jetzt bald mal zurückspulen und diesen Frühling nochmal neu aufnehmen. So schöne Tage würde ich aufnehmen mit Sonne und einem lauen Lüftchen. In der Nacht würde es mal so richtig regnen, weil die Natur das ja auch braucht. Dienstags und Donnerstags würde ich ganz normal in die Schule gehen. Die letzten Konfi-Tage vor der Konfirmation würden stattfinden. Ich hätte meinen Friseurtermin, wie geplant, und würde beim monatlichen „Mädelsabend“ meine Freundinnen treffen. Wir würden die Ostertage genießen, wie gewohnt.

Und alles ohne Corona.

Leider gibt es diesen Rückspulknopf für die Welt nicht. Andererseits ist es vielleicht auch besser so. „Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden.“ so wird der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard gern zitiert. Nach vorne schauen, heißt das doch auch. Die ersten Lockerungen kommen, aber ein bisschen Geduld brauchen wir noch. Geduld und dass wir nicht aufhören, die Herzen eng zusammen zu rücken.

So singt es die Band „Silbermond“ in einem aktuellen Lied:

„Auch wenn um uns gerade alles wackelt
und es Abstand braucht,
rücken wir die Herzen eng zusammen,
machen wir das Beste draus“.

Halten Sie durch!

Verena Übler