Gedanken zum Tag, 16. - 30. Juni

Dienstag, 30. Juni

Der Gedanke zum Tag kommt heute von der Bahnhofkirche in Zürich:

Der kleine Baumwollfaden

Letzte Woche erhielt ich eine Geschichte. Das Stichwort Baumwollfaden reichte, um mein Interesse zu wecken. Ich dachte an all die Baumwollknäuel, die Wolle und Fäden, die in verschiedenen Körben, Taschen und Schachteln in meiner Wohnung sind. Und die Geschichte beginnt wie ein Märchen, so schön. Und das Ende? Nützlich! Lesen Sie selbst:

„Es war einmal ein Baumwollfaden ,der sagte: ‚Ich habe Angst, ich bin viel zu kurz geraten, und keiner kann mich gebrauchen. Für ein Schiffstau bin ich viel zu schwach, für einen Pullover zu kurz. Ich habe Hemmungen, mich an andere anzuknüpfen. Für eine Stickerei bin ich zu blass und zu farblos; wenn ich leuchten würde, aus Lurex bestünde und glitzern würde, ja, dann könnte ich vielleicht etwas verzieren. Aber so? Ich bin zu nichts nütze, ein Versager. Niemand kann mich gebrauchen, niemand mag mich. Und ich selbst mich am wenigsten‘.

So sprach dieser kleine Baumwollfaden zu sich selbst, legte eine traurige Musik auf und fühlte sich ganz schlecht in seinem Selbstmitleid, von Gott und der Welt verlassen.

Da klopfte dieses Klümpchen Wachs an seine Tür und sagte: ‚Lass dich nicht so hängen, kleiner Baumwollfaden! Ich habe da eine Idee: Wir beide tun uns zusammen! Für eine lange Osterkerze bist du als Docht allerdings zu kurz, und ich bin dafür auch nicht genug Wachs. Aber für ein Teelicht reicht es allemal. Wir beide zusammen werden eine kleine Kerze. Die wärmt und macht ein wenig heller. Es ist besser, auch nur ein kleines Licht anzuzünden, als immer nur über die Dunkelheit zu schimpfen. Und die ganze Finsternis der Welt ist nicht imstande, unser kleines Licht zu löschen. Einverstanden?’

Da war der kleine Baumwollfaden ganz glücklich und sagte: ‚Dann bin ich also doch zu etwas nütze!'“

Felix Breitling


Montag, 29. Juni

„Es führen viele Wege zu Gott – einer führt über die Berge“ …

 …heißt ein bekanntgewordener Spruch. Ich habe die Berge als einen Ort kennengelernt, an dem man vom Alltag abschalten, wieder Kraft gewinnen und nachdenken kann. Im Matthäusevangelium heißt es über Jesus, dass er sich nach einem langen Tag voller Begegnungen auf einen Berg zurückzog: „Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.“ Der Berg ist ein Symbol für Einsamkeit und Rückzug. 

Nach dem anstrengenden Aufstieg auf einen Berg bin ich fasziniert von der Weite, die sich mir auf dem Gipfel auftut. Je höher ich steige, je anspruchsvoller der Weg wird, desto mehr flößt mir diese Landschaft Respekt ein und fordert mich heraus.

Ich sehne mich nach der Stille in den Bergen an einsamen Tagen, danach, Schritt für Schritt einen Fuß vor den anderen zu setzen und nach der inneren Ruhe, die sich beim stundenlangen Gehen einstellt.

Wenn Menschen sagen, gerade im Gebirge spürten sie das Erhabene der Schöpfung, dann kann ich das nachvollziehen. Ich kann nach Erlebnissen in den Bergen auch besser verstehen, dass Berge oft als Orte der Gottesnähe und der Gottesbegegnung gelten.

Die Arche Noah strandete auf dem Berg Ararat, wo Gott mit Noah einen neuen Bund geschlossen hat. Mose hat auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote empfangen. Und das bekannteste Gebet der Christen, das Vaterunser, ist uns in der „Bergpredigt“ überliefert.

„Es führen viele Wege zu Gott – einer führt über die Berge.“ Mein Weg zu Gott führt mich zwar zuerst über die Worte der Bibel, über Jesus Christus, über den Gottesdienst und Begegnungen – aber mittlerweile nach ein paar Bergerfahrungen auch über die Berge. Übrigens: Für alle, die ihren Urlaub in den Bergen verbringen – viele Gemeinden bieten Berggottesdienste an. Und: Es gibt auch hier ganz in der Nähe schöne Berge, zum Beispiel den Olympiaberg oder den Perlacher Mugl.

https://berggottesdienste.de/

Felix Breitling


Sonntag, 28. Juni

Predigt siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 27. Juni

Zwei Mönche

Zwei Mönche waren auf der Wanderschaft. Eines Tages kamen sie an einen Fluss. Dort stand eine junge Frau mit wunderschönen Kleidern. Offenbar wollte sie über den Fluss, doch da das Wasser sehr tief war, konnte sie den Fluss nicht durchqueren, ohne ihre Kleider zu beschädigen.

Ohne zu zögern ging einer der Mönche auf die Frau zu, hob sie auf die Schultern und watete mit ihr durch das Wasser. Auf der anderen Flussseite setzte er sie trocken ab.

Nachdem der andere Mönch den Fluss durchquert hatte, wanderten die beiden weiter. Sie schwiegen, bis sie nach etwa einer Stunde Rast machten. Da fasste sich der eine Mönch ein Herz und sagte zum anderen: „Du weißt schon, dass das, was du getan hast, nicht richtig war? Wir dürfen keinen nahen Kontakt mit Frauen haben. Wie konntest du nur gegen diese Regel verstoßen?“

Der Mönch, der die Frau durch den Fluss getragen hatte, hörte sich die  Vorwürfe des anderen ruhig an. Dann antwortete er: „Ich habe die Frau vor einer Stunde am Ufer abgesetzt – trägst du sie immer noch?“ (Quelle unbekannt)

Felix Breitling


Freitag, 26. Juni

Mein Sommer 2020 – ABC

Anfang

Baustelle

Corona

Digital

Erleben

Freiheit

Gottesdienst

Herausforderung

Interesse

Jubeln

Kreativität

Liebe

Mut

Not(wendigkeit)

Ohnmacht

Predigt

Qual

Ruhe

Schule

Träume

Unsicherheit

Verantwortung

Warten

X (Leerstelle)

Yoga

Zoom

Wie sieht Ihr Sommer 2020 - ABC aus?

Carolin Lochner


Donnerstag, 25. Juni

Der 2. Blick

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
1. Korinther 13, 12-13

Manchmal erst auf den zweiten Blick
Entschlüsselt sich das Bild
Entdecke ich den Grund

Manchmal erst auf den zweiten Blick
Sehe ich weiter
Kann ich vertrauen

Manchmal erst auf den zweiten Blick
Erkenne ich den Gang meines Lebens
Bin gehalten und lebendig

Manchmal erst auf den zweiten Blick
Ist Gottes Liebe zu spüren

[Verfasser unbekannt]

Verena Übler

Mittwoch, 24. Juni

Heute ein Gedanke zum Tag von der Bahnhofkirche in Zürich:

Gott im Feinsten entdecken
Wegwort vom 12. Juni 2020

Im Allgemeinen scheint die Welt so zu sein, wie wir sie wahrnehmen. Selten ist uns bewusst, dass zwischen den Dingen und unserer Wahrnehmung viele Filter stehen, die durch Erziehung, soziales Umfeld und Kultur gebildet wurden. Die erlernte Sichtweise gibt uns gewisse Orientierung, hilft uns Dinge zu beurteilen – und erschwert zugleich neue Erkenntnisse und Entwicklung.

Mit Gottesvorstellungen ist es nicht anders. Sie sind eingefärbt durch erlernte soziale und kulturelle Filter. Hartnäckig hält sich die Verknüpfung der Grösse und Erhabenheit Gottes mit weltlichen Machtvorstellungen. Wir entdecken sie auch in der Bibel. So wurde Gott zu einem „Herr der Heerscharen“, einem „eifersüchtigen Liebhaber“, „unbestechlichen Richter“, zum „Allwissenden“ und „Allmächtigen“.

(Bild von Michael Schwarzenberger auf Pixabay)

Biblische Texte selbst wehren sich gegen diese einseitige Sicht. So die Lesung aus dem Ersten Testament, die heute in katholischen Gottesdiensten gelesen wird. Es wird vom Propheten Elias erzählt, der sich aus Angst vor seinen Feinden in einer Höhle am Berg Sinai versteckt hatte und wartete, dass Gott sich zeigen würde. Als ein gewaltiger Sturm heranbrauste merkte er, dass Gott darin nicht zugegen war, ebenso wenig in einem Erdbeben bzw. einer heftigen Feuersbrunst. Erst ein feines Säuseln liess Elias aufhorchen.

Wie schwer fällt es, uns die göttliche Grösse ohne Pomp und überwältigende Macht vorzustellen. Mich inspiriert die biblische Gedankenherausforderung, ganz genau hinzuschauen auf das Allerfeinste, auf die kaum wahrnehmbaren Regungen des Lebendigen in der Welt und in mir, und das Göttliche dort zu erwarten. Gott hat keinerlei Zwang nötig, um gross zu sein.

Felix Breitling


Dienstag, 23. Juni

Wir strecken uns nach dir, in dir wohnt die Lebendigkeit. Wir trauen uns zu dir, in dir wohnt die Barmherzigkeit. Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.

Wie die Bäume sich dem Himmel entgegenstrecken, können wir uns auch Gott entgegenstrecken, mit Worten, mit Gesten, mit aufmerksamem Hören, mit Erzählungen von Gott und den Menschen und vielem, vielem mehr.

Wir öffnen uns vor dir, in dir wohnt die Wahrhaftigkeit. Wir freuen uns an dir, in dir wohnt die Gerechtigkeit. Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.

Wie es zwischen den Bäumen die Lücke gibt, wo der Blick zum Himmel frei wird, so können wir uns öffnen für Gott, alle Dinge beiseiteschieben, die im Weg sind.

Wir halten uns bei dir, in dir wohnt die Beständigkeit. Wir sehnen uns nach dir, in dir wohnt die Vollkommenheit. Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.

Wie die Bäume standhaft und aufrecht bleiben neben den anderen in der Suche nach dem Licht, können wir auch fest stehen in der Gemeinschaft der Christen auf dieser Welt.

EG 642
Text: Friedrich Karl Barth 1985
Melodie: Peter Janssens 1985

Carolin Lochner


Montag, 22. Juni

Ansteckung

Im Augenblick ist das Wort „Ansteckung“ so was von negativ belegt. Dabei hat es ja durchaus positive Bedeutungen. Da hat jemand ein ansteckendes Lachen. Eine andere steckt ihre Umgebung regelmäßig mit ihrer guten Laune an. Und jemand, der oder die dabei ist, gute Ideen in die Tat umzusetzen, steckt ebenfalls andere damit an. So kann sich Gutes verbreiten. Seit 2000 Jahren auch „die gute Nachricht“!
Von Wilhelm Willms (r.-kath. Theologe, *1930 +2002) stammt dazu folgender kleiner Text, mit dem ich Ihnen allen eine gute Woche wünsche. Bleiben Sie positiv!

er steckte an
er war die güte selbst
in seiner nähe
wurden die ungerechten gerecht
die traurigen froh
die verzweifelten sahen
einen weg
wo er hinkam
da sahen die menschen 
eine neue möglichkeit
das leben zu leben

Verena Übler

 


Sonntag, 21. Juni

Predigt siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 20. Juni

Credo

Leider habe ich die Theologin Dorothee Sölle (*30.9.1929  +27.4.2003) nicht persönlich kennengelernt. Ich bringe sie besonders mit den Kirchentagen in Verbindung, mit der Theologie der Befreiung und der feministischen Theologie. Sie war streitbar und fromm, kirchenkritisch und kirchenliebend zugleich, einfach nicht in eine Schublade zu stecken. Sie hatte eine Gabe für Worte. In diesem Glaubensbekenntnis steckt ihr Herzblut. Die Frohe Botschaft wird konkret. 
Ob das Bekenntnis mehr sein kann als Worte, die wir unterstreichen, liegt an uns.


Dorothee Sölle: Credo

Ich glaube an Gott
der die Welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein Ding das immer so bleiben muss
der nicht nach ewigen Gesetzen regiert
die unabänderlich gelten
nicht nach natürlichen Ordnungen
von Armen und Reichen
Sachverständigen und Uninformierten
Herrschenden und Ausgelieferten
Ich glaube an Gott
der den Widerspruch des Lebendigen will
und die Veränderung aller Zustände
durch unsere Arbeit
durch unsere Politik

Ich glaube an Jesus Christus der recht hatte, als er
„ein einzelner, der nichts machen kann"
genau wie wir
an der Veränderung aller Zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging
an ihm messend erkenne ich
wie unsere Intelligenz verkrüppelt
unsere Phantasie erstickt
unsere Anstrengung vertan ist
weil wir nicht leben wie er lebte
jeden Tag habe ich Angst
dass er umsonst gestorben ist
weil er in unseren Kirchen verscharrt ist
weil wir seine Revolution verraten haben
in Gehorsam und Angst vor den Behörden
Ich glaube an Jesus Christus
der aufersteht in unser Leben
dass wir frei werden
von Vorurteilen und Anmaßung
von Angst und Hass
und seine Revolution weitertreiben
auf sein Reich hin

Ich glaube an den Geist
der mit Jesus in die Welt gekommen ist
an die Gemeinschaft aller Völker
und unsere Verantwortung für das
was aus unserer Erde wird
ein Tal voll Jammer Hunger und Gewalt
oder die Stadt Gottes
Ich glaube an den gerechten Frieden der herstellbar ist
an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens
für alle Menschen
an die Zukunft dieser Welt Gottes. 
Amen.

Verena Übler


Freitag, 19. Juni

Anfangen

Haben Sie heute Morgen gut gefrühstückt? Oder haben Sie einen schnellen Kaffee getrunken, und dann nichts wie los? Wie haben Sie heute den Tag angefangen? Das Anfangen ist eine Kunst und wir sind ständig Anfängerinnen und Anfänger. Ich denke mir, ich habe Erfahrung und bin doch oft immer wieder ein blutiger Anfänger. 
Das ganze Leben sind wir Anfängerinnen und Anfänger: Als Kinder, beim Schulanfang, wir fangen eine Ausbildung oder ein Studium an, fangen an mit Freundschaften und Beziehungen …
Es gibt Anfänge, die sind unfreiwillig, Lebenssituationen, die ich mir nicht ausgesucht habe – es hätte gerne so bleiben können, es kommt anders, ich muss wieder anfangen. Auf der einen Seite heißt es: Aller Anfang ist schwer. Auf der anderen: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Anfänge sind meistens zweideutig. Neue Chancen, ungeahnte Möglichkeiten aber auch Unsicherheit und Anstrengung.
Die menschliche Tendenz ist ja eher: lieber beim Alten bleiben - eine verständliche Mischung aus Angst und Bequemlichkeit. Denn Anfänge kosten Kraft und fordern heraus. Ich glaube, es ist wichtig, dass ich mich als Anfänger sehen kann und vor Anfängen nicht zurückschrecke. Wenn ich nicht mehr anfange, bleibe ich stehen. Und Leben ist nicht Stillstand.
Die Bibel erzählt Geschichten von Anfängerinnen und Anfängern: Adam und Eva, die ersten Anfänger; Noah, der noch nie eine Arche gebaut hat; Abraham, der aus seinem Vaterland aufbrechen soll in ein unbekanntes Land, das Gott ihm zeigen will. Und Mose, der aufbricht zusammen mit seinem Volk und etwas anfangen soll, von dem er nicht weiß, wie es ausgeht. Rut, die mit ihrer Schwiegermutter Naomi mitgeht und eine Geschichte anfängt, deren Ende sie nicht kennt. Der Zöllner Levi, der alles stehen und liegen lässt, mit Jesus mitgeht und ein komplett neues Leben anfängt. Lauter Anfängergeschichten sind das und bei weitem nicht alle.
Anfangen braucht immer wieder eine Menge Vertrauen, weil ich beim Anfangen meistens nicht weiß, was auf mich zukommt und wie es ausgeht. Die Anfängergeschichten der Bibel sind auch keine reinen Happy-End Geschichten, in denen alles immer nur glatt läuft. Aber es sind Geschichten davon, dass wir nie alleine anfangen und den neuen Weg alleine gehen müssen. Bevor wir anfangen fängt Gott mit uns an. Vertrauen wir den neuen Wegen, die Gott mit uns geht und fangen wir an.

Felix Breitling


Donnerstag, 18. Juni

Spuren im Sand

https://www.life-is-more.at/life/gedichte/spuren_im_sand.php

Carolin Lochner


Mittwoch, 17. Juni

Mobile

Eine Freundin hat mir ein Mobile geschenkt, das sie während ihrer Ausbildung zur Ergotherapeutin als Laubsägearbeit gemacht hat. Es sind vier Figuren aus dem Comic „Tim und Struppi“. Nach dem Umzug habe ich es wieder aufgehängt. Was für eine Fummelei! Die Figuren sind unterschiedlich groß und schwer. Sie hängen an dünnen Fäden, die sich immer wieder verdrehen. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich sie an den zwei Stangen befestigen konnte und entsprechend austariert habe.
Gestern musste ich daran denken, dass sich besonders die Familien zur Zeit wie in einer Mobile-Phase befinden. Noch stärker, als früher schon. 
So viel muss austariert werden, bis man eine Art Gleichgewicht gefunden hat. 
Welches Kind geht wann und wie lange in die Schule? Wieviel Zeit muss für Homeschooling eingeplant werden? Wann kann welches Elternteil in Ruhe arbeiten? Gibt es feste Handy-Daddel-Zeiten? Wer kauft ein? Wer kocht? Wer räumt auf? Und an die frische Luft soll man ja auch noch jeden Tag.
Außerdem gibt es noch weitere Faktoren: Mal muss einer getröstet und aufgebaut werden, weil der Blues grad heftig einschlägt. Dafür könnte die andere aber Bäume ausreißen, weil sie irgendwie gut drauf ist. Mal liegen die Nerven blank, es genügt eine klitzekleine Kleinigkeit und der schönste Streit bricht aus. Dann wieder genießt man die Familienzeit beim Kuscheln auf dem Sofa. 
Leben in Corona-Zeiten ist ein Balanceakt. Das betrifft nicht nur, aber vielleicht eben doch besonders Familien mit Kindern.
Beim Aufhängen meines Mobiles habe ich irgendwann aufgegeben, ein „schönes“
Gleichgewicht herzustellen. Die Figuren hängen etwas schief. Aber sie hängen!
Und das Hin und Her im Luftzug macht im Grunde auch den Reiz aus. Die Figuren sind in Bewegung, aber gleichzeitig sind sie auch gehalten an den Stangen. 
Wäre es nicht schön, wenn in unserem Lebens-Mobile diese Stangen das Vertrauen auf die Liebe Gottes sein könnten? Der Glaube daran, gehalten zu sein, was auch immer geschieht?
Ich wünsche Ihnen allen dieses Vertrauen und weiterhin eine große Portion Gelassenheit beim Austarieren Ihres Mobiles.

Verena Übler


Dienstag, 16. Juni

Lesen ist Freiheit

„Sophie Scholl – Lesen ist Freiheit“, so heißt ein vor zwei Jahren erschienenes Buch von Barbara Ellermeier. „Abends, wenn die anderen Witze machen (aus denen ich mich leider nicht ganz herausgehalten habe), lese ich im Augustinus. Ich muß langsam lesen, ich kann mich so schwer konzentrieren. (…) Auch Thomas Manns „Zauberberg“ habe ich heute mittag gelesen. (…) Ich bemühe mich sehr, mich von den augenblicklichen Einflüssen möglichst unberührt zu halten“ schreibt Sophie Scholl am 10. April 1941 in ihr Tagebuch. Zu dieser Zeit muss sie im Lager des Reicharbeitsdienstes im oberschwäbischen Krauchenwies ihren Pflichtdienst ableisten. Am 11. April schreibt sie: „Ich fürchte, ich gewöhne mich allmählich ein. Ich werde mich zusammennehmen. Das Lesen abends wird mir dabei helfen.“  Eigene Bücher, besonders philosophische oder theologische, sind eigentlich nicht erlaubt. Die Führerin des Arbeitsdienstlagers gestattet Sophie Scholl aber - im Gegensatz zu anderen - Bücher zu haben.

Im Mai 1941 schreibt Sophie dann an ihren Bruder Hans: „Ich hoffe nur, dass Inge mir bald eine Taschenlampenbatterie schickt zur Verlängerung meiner privaten Zeit“. Oft liest sie abends mit der Taschenlampe und sucht sich Zeit für das Lesen im Alltag des Reicharbeitsdienstes, in dem die Einzelne keine Rolle spielt und eine eigene, kritische Meinung nicht sein darf.

Ja, Lesen ist etwas Subversives. Erst einmal ist es unökonomisch. Wenn wir lesen, machen wir nichts, wir produzieren nichts. Lesen ist ein Raum für mich ganz alleine.

Wir entziehen uns der Realität und betreten eine andere Welt.

Texte, Literatur, Bücher entfachen unsere Phantasie und Vorstellungskraft, wie unterschiedlich das Leben gelebt werden kann, welche Möglichkeiten es gibt. Sie lehren mich Empathie. Sie helfen mir, eine eigene Sprache zu finden.

Felix Breitling