Gedanken zum Tag, 16. - 30. April

Donnerstag, 30. April

Endlich Regen

Die Wiese hinter unserem Haus sah inzwischen schon fast so aus, wie ich es sonst nur aus dem Süden kenne: vertrocknet braun. Jetzt hat es endlich geregnet. Mich fasziniert, wie schnell etwas Totgeglaubtes nach Wasserzufuhr wieder wächst.

Ein chinesisches Sprichwort geht so:

Willst du eine Stunde lang glücklich sein,
dann betrinke dich.

Willst du drei Tage lang glücklich sein,
dann heirate.

Willst du eine Woche glücklich sein,
dann schlachte ein Schwein.

Willst du ein Leben lang glücklich sein,
dann werde ein Gärtner.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich viele bei der letzten These nicken. Mit bloßen Händen in Erde zu wühlen, zu säen und pflanzen, zu hegen und pflegen macht viele Menschen glücklich.

Auch Stadtmenschen. Anfang dieser Woche habe ich gesehen, dass die Krautäcker an der St. Michael-Straße doch noch zum Beackern vorbereitet wurden. Ich dachte schon, da wird nichts mehr draus in diesem Jahr.

Lässt sich die Aussage „Willst du ein Leben lang glücklich sein, dann werde ein Gärtner“ vielleicht auch übertragen verstehen? Ich denke schon. Wenn wir uns gegenseitig hegen und pflegen, uns um einander kümmern, füreinander da sind, dann tut uns das gut. Wenn wir uns mit liebevollen Worten begießen, werden wir uns innerlich aufrichten. Wenn wir uns mit gutem Rat düngen und mit konstruktiver Kritik bejäten, werden wir wachsen und reifen. Seien wir einander gute Gärtnerinnen und Gärtner. Auf dass wir ein Leben lang glücklich sind.


Verena Übler


Mittwoch, 29. April

29. April vor 75 Jahren: Befreiung von Dachau

"Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Das sind Worte von Max Mannheimer (1920-2016), die er an viele Jugendliche richtete. Er und sein Bruder Edgar überlebten die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Warschau und Dachau. Seine Eltern, Geschwister und seine Ehefrau wurden in den Lagern ermordet. Seit den 1980er Jahren besuchte er als Zeitzeuge zahlreiche Schulen und führte durch die KZ-Gedenkstätte in Dachau. Unermüdlich machte er den Schülerinnen und Schülern deutlich, wie wichtig es ist, für die Demokratie einzustehen.

Am 23. April 1945 befreiten US-Truppen das Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz und am 29. April 1945, heute vor 75 Jahren, das Konzentrationslager Dachau.

Zwischen all den Meldungen zum Coronavirus und zur Krise darf das Gedenken in diesen Tagen nicht untergehen. 2000 Teilnehmende, unter ihnen 90 Überlebende des Konzentrationslagers, wären zu den Gedenkveranstaltungen nach Dachau gekommen, die nun wegen der Corona-Krise ausfallen müssen.

Ich sehe es als unsere Aufgabe, dass wir als Christinnen und Christen die Erinnerung wachhalten und widersprechen, wenn es heißt, man solle doch unter das Geschehene einen Schlussstrich ziehen oder das Gedenken müsse ein Ende haben.

Der Schriftsteller Elie Wiesel, der das Vernichtungslager Auschwitz überlebt hat, schrieb, das Gegenteil von Erinnern sei nicht das Vergessen, sondern die Gleichgültigkeit. Daher sei „die wichtigste und dringlichste Antwort auf die Katastrophe, der Gleichgültigkeit entgegen zu wirken“.

Ich, der mehr als dreißig Jahre nach Kriegsende geboren ist, und diejenigen, die nach mir geboren sind, sind nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber wir und die nachfolgenden Generationen tragen Verantwortung dafür, dass das Gedenken nicht verstummt, und dass nicht wieder geschieht, was geschehen ist. Wir alle tragen Verantwortung dafür, der Gleichgültigkeit entgegen zu wirken.

Die Gedenkveranstaltungen zur Befreiung des Konzentrationslagers Dachau werden nun digital stattfinden und übertragen. Sie finden sie unter den folgenden Internet-Adressen:
www.kz-gedenkstaette-dachau.de/aktuelles/liberation
www.sonntagsblatt.de
www.dachau.de
www.muenchner-kammerspiele.de

Felix Breitling


Dienstag, 28. April

Am Sonntag erreichte mich über meinen Whatsapp-Chorverteiler eine private Aufnahme aus dem Pfarrgarten der Auferstehungskirche. Eingeschlossen von den hohen Mauern der Kirche und der Gemeindegebäude stimmten einige Bläser*innen ein Lied an. Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand. Das Lied war wohl weit über den Pfarrgarten hinaus zu hören. Ein Zuruf. Eine Vergewisserung: Wir sehen uns wieder. Und bis dahin halte Gott dich fest in seiner Hand.

Mauern überwinden mit Musik, mit Kreativität. Öffentlich musizieren, was sonst in den vier Wänden stattgefunden hätte. Manch ein Gottesdienst findet im Freien statt und die Gottesdienstbesucher*innen sind innen an ihren Fenstern dabei. Die Klinikclowns kommen auch jetzt zu den Kindern und schenken einen Moment Hoffnung am Fenster. Der Wunsch und die Vergewisserung wollen hinaus in die Welt und hinein in die Wohnungen – vielerorts via Skype und Co oder per Zuruf von Balkon zu Balkon. Kontakt halten, auch wenn das Sehen aus der Nähe, die Berührung noch fehlt.

Möge die Straße uns zusammenführen. Damit beginnt das Lied. Davon gehen wir aus.
Möge die Straße uns zusammenführen und der Wind in deinem Rücken sein.
Sanft falle Regen auf deine Felder und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein.

Oder in dieser meiner heutigen Version:
Möge die Straße uns zusammenführen und Geduld in deinem Gepäck sein.
Gut halte durch in deiner Wohnung und vertrau, Gott lässt dich nicht allein.

Stimmen Sie doch ein in das Lied, mit ihrem Text, in ihrer Version. Vielleicht auch mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht, wenn sie der Karaokeversion folgen:
 

Carolin Lochner

 

 


Montag, 27. April

Lachen steckt an

Bei Wikipedia heißt es, dass Lachen „eines der wichtigsten angeborenen emotionalen Ausdrucksverhalten des Menschen“ ist. Wir lachen, wenn uns etwas erheitert und festigen mit Lachen unsere sozialen Beziehungen.

Außerdem kann es „eine Entlastungsreaktion nach überwundenen Gefahren sein oder ein Abwehrmechanismus gegen spontane Angstzustände“.

Es steckt ganz schön viel Kraft drin, im Lachen. Ich finde besonders schön, dass Lachen ansteckend ist. Das Lied „Herzklopfen“ von Spider Murphy Gang bringt mich auch heute noch zum Lachen, obwohl ich es ungezählte Male schon gehört habe. Es ist eigentlich eine missglückte Studioaufnahme, wurde aber trotzdem mit auf die Platte genommen. Zum Glück! Der Lachanfall, der über die Band kommt, ist so lustig und ansteckend – ich bin überzeugt, da kann niemand ernst bleiben.

In der Bibel gibt es bei den Seligpreisungen im Lukasevangelium einen Vers, der lautet:

„Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen.“ Lukas 6, 21

Auch wenn wir nicht immer etwas zu Lachen haben, dürfen wir darauf vertrauen, dass es nicht so bleiben wird. Nach der Zeit des Weinens kommt auch wieder eine Zeit der Freude und des Lachens. Beides hat seine Zeit. Und deshalb wird auch beides in einem Satz ausgedrückt: wer jetzt weint, wird auch einmal wieder lachen. Menschen, die das verinnerlichen und darauf vertrauen, dürfen sich „selig“ nennen.

Ich wünsche allen, denen gerade nicht zum Lachen zumute ist, dass sie die Kraft zum Durchhalten bekommen, und dass sie sich hin und wieder anstecken lassen vom freundlichen, aufmunternden Lachen lieber Menschen um sie herum.

Verena Übler

 


Sonntag, 26. April

Videoansprache siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 25. April

„Bohnen zählen“

Dies ist die Geschichte von einem Grafen, der sehr, sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer par excellence war.
Der Graf verließ niemals das Haus, ohne zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen. Nein, er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und um diese besser zählen zu können.
Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte, zum Beispiel einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen seiner Frau, ein köstliche Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, für alles, was seine Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei.
Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich noch einmal vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich daran. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne aus der linken Jackentasche holte, war für ihn der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.
[Quelle unbekannt]


Zur Zeit sind die schönen Momente des Tages wahrscheinlich ganz andere als noch vor einigen Wochen. Sind es auch weniger? Vielleicht ist das „Bohnen-Zählen“ eine gute Übung, um festzustellen, es gibt sie auch jetzt, die schönen Augenblicke. Wichtig ist, sich nicht unter Druck zu setzen. Vielleicht ist es tatsächlich nur eine Bohne, die man am Abend aus der Tasche holt. Aber die Erinnerung an diesen einen Moment gibt Kraft für den nächsten Tag.

Verena Übler


Freitag, 24. April

Einige Äußerungen aus den vergangenen Tagen gehen mir gerade durch den Kopf. Beim Gespräch über den Zaun hinweg, sagte ein Vater gestern: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass vieles wichtiger ist als das Wohl von Kindern.“

Auf Medienberichte, dass zwar Spieler der Bundesliga umfassend getestet werden sollen, es für die Einrichtungen der Altenhilfe aber keine flächendeckenden Tests gibt, reagierte der Präsident der Diakonie Bayern, Michael Bammessel: „Es ist ein Unding, wenn Profifußballer besser geschützt werden sollen als pflegebedürftige Menschen. Bis genügend Testmaterialien und Laborkapazitäten vorhanden sind, müssen Schutzbedürftige und Pflegekräfte Vorrang haben vor Bundesligaspielen.“

Und der Magdeburger Bischof Feige sagte, auch wenn es ihm weh tue, dass immer noch keine öffentlichen Gottesdienste stattfinden können, frage er sich dennoch, ob die Gottesdienstausfälle angesichts des Leids großer Teile der Bevölkerung nicht fast  "Luxusprobleme" sind.

Wann können Kindergärten wieder öffnen? Wann können Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenheimen wieder Besuch empfangen? Sind Bundesligaspiele gerade wirklich notwendig? Wie wichtig sind Gottesdienste? Es geht darum, Menschen vor dem Virus zu schützen, es geht aber auch um die psychische Gesundheit vieler, es geht um den Schutz von alten Menschen und gleichzeitig um die Rechte von Kindern und es geht um die wirtschaftliche Existenz vieler Menschen.

Mit den Worten „In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige“ hat der österreichische Satiriker Karl Kraus treffend die Herausforderung der Entscheidung beschrieben und ich beneide derzeit keine und keinen darum, die oder der in dieser unüberschaubaren Situationen Verantwortung für das öffentliche Leben trägt, abwägen und solche weitreichenden Entscheidungen treffen muss.

Ich meine, dass wir als Christinnen und Christen konstruktive Impulse in unsere Gesellschaft und in die gegenwärtige Diskussion hineingeben können. Nüchtern und besonnen. Überlegt. Getragen von der Liebe Gottes, im Vertrauen auf Gottes Vergebung und überzeugt vom Gebot der Nächstenliebe.

Vor dem Hintergrund der jetzigen Situation gewinnt für mich auch die Fürbitte für diejenigen, die Verantwortung für das öffentliche Leben tragen und Entscheidungen treffen, an Bedeutung:

„Barmherziger Gott, wir bitten Dich für alle, die in dieser schwierigen Zeit Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen müssen. Schenke ihnen Weisheit, Kraft und Besonnenheit. Amen.“                                                                            

Felix Breitling


Donnerstag, 23. April

Die Tageslosung für heute steht beim Propheten Jesaja (Kapitel 44, Vers 21):
„Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht!“

Und dazu wurde als sogenannter Lehrtext ausgesucht:
„Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ (Hebräerbrief 10, 35)

Vertrauen oder Misstrauen? Optimismus oder Pessimismus? Halbvolles oder halbleeres Glas? Wie stehen Sie dazu? Leben Sie einen gepflegten Pessimismus, getreu dem Motto, „dann kann ich auch nicht enttäuscht werden“ bzw. „dann freue mich um so mehr, wenn es anders kommt“? Oder schauen Sie zuversichtlich auf das, was kommt, und genießen die Zeit bis dahin, nach dem Motto „um Probleme kümmere ich mich dann, wenn sie auftauchen“?

Und woher kommt die jeweilige Einstellung? Ist sie angeboren oder angelernt? Kann man sich in die eine oder andere Richtung entwickeln? Und welche Rolle spielt Gott dabei?

In der Tageslosung steckt ein großartiges Versprechen Gottes. Gott verspricht Israel, es nicht zu vergessen. Und zwar, ganz einfach, weil Israel zu Gott gehört. Dieses Versprechen musste Jesaja immer mal wiederholen, weil Israel ja im Exil war und desöfteren kurz davor, das Vertrauen zu Gott zu verlieren.

Daher passt der zweite Vers aus dem Hebräerbrief ganz wunderbar, denn auch da geht es darum, nicht den Glauben zu verlieren bzw. wegzuwerfen. „Glauben“ oder eben „Vertrauen“, die beiden Begriffe sind austauschbar. An Gott festhalten, den Glauben nicht verlieren, das Vertrauen beibehalten, wie auch immer, es ist nicht immer leicht. Auch in diesen Tagen nicht. „Eine große Belohnung“ wird in dem Vers erwähnt. Was kann das sein? Ein Topf voll Gold? Wahrscheinlich nicht. Ich glaube, es ist auch keine zukünftige Belohnung, sondern eine, die wir schon erhalten haben. Wir haben es uns gerade erst wieder vergegenwärtigt, als wir Ostern gefeiert haben. Dass Christus auferstanden ist, das ermöglicht uns ein freies, vertrauensvolles, erlöstes Leben. Es lohnt sich, das Vertrauen zu Gott nicht wegzuwerfen, sondern daran festzuhalten  - alle Tage!


Ostern alle Tage

Trotzdem wieder aufstehen
nicht jubelnd
nicht erlöst
nicht heiliggezaubert
aber aufstehen

Gott etwas zutrauen
keine Allmacht
keine Heerscharen
kein Donnergetöse
aber zutrauen

Im Totenreich nicht heimisch werden
das letzte Wort nicht selber sprechen
und morgen wieder aufstehen

(von Carola Moosbach)

Verena Übler


Mittwoch, 22. April

„Auf Wiedersehen beim 3. Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt – so Gott will und wir leben.“ Mit diesem Zusatz enden die Abschlussgottesdienste des Deutschen Evangelischen Kirchentags. „So Gott will und wir leben“. Früher befremdeten mich diese Worte und machten mir beinahe etwas Angst. Sie stammen aus dem Jakobusbrief (Jak 4,13-15). Jakobus hat sie damals für Kaufleute geschrieben, die vollmundig gesagt haben: „Heute oder morgen wollen wir in die eine oder andere Stadt gehen und ein Jahr dort bleiben, Handel treiben und Gewinn machen.“ Darauf entgegnet ihnen Jakobus: „Ihr wisst doch noch nicht mal, was morgen ist. Stattdessen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“

Niederländische Kaufleute haben später dafür eine Abkürzung erfunden. SCJ – Sub conditione jacobea – unter dem Vorbehalt von Jacobus. „So Gott will und wir leben, werden wir dieses oder jenes tun.“ Unsere Geschäfte können wir nur führen, wenn Gott will und wir leben. Wir haben nicht alles in der Hand. Daher anstatt „Wir wollen“ eher: „Wenn der Herr will“.

Mittlerweile stehe ich diesen Worten „So Gott will und wir leben“ anders gegenüber. Ich sehe sie als einen Aufruf dazu, uns als Menschen in unseren Grenzen zu sehen. Es ist nicht alles von uns abhängig und wir haben nicht alles in der Hand.

Es liegt zwar an mir, genau zu planen, und möglichst – wenn das überhaupt geht – meine Pläne bis ans Ende und die Folgen zu bedenken; auch nicht nur bis morgen zu planen, und dabei mein Menschenmögliches zu tun. Mein Menschenmögliches. Aber letztlich bleibt dieser Rest, den wir als Menschen nicht in der Hand haben.

Diese Begrenztheit unseres Planens erlebe ich gerade. Lange geplante Großveranstaltungen werden abgesagt. Wann alle Kinder wieder in die Schule gehen werden, wie unser Gemeindeleben in diesem Jahr aussehen wird und vieles andere wissen wir noch nicht.

„So Gott will und wir leben.“ Diese Worte erinnern mich daran: Gott ist Gott und wir sind Menschen – und als solche haben wir die Zukunft nicht vollkommen in der Hand.

Felix Breitling


Dienstag, 21. April

Jesaja 40, 31:
Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.


Einer meiner Lieblingssprüche in der Bibel. Er war am vergangenen Sonntag Teil des Predigttextes.

Die Vorstellung aufzufahren mit den großen Schwingen des Adlers, immer höher, immer weiter, dem blauen Himmel entgegen und dann schweben, mich tragen lassen, durch die Luft gleiten. Los lassen. Losgelöst.

Und dann in meiner Vorstellung der Blick nach unten. Ich sehe mich, meine Wohnung, meine Nachbar*innen, meine Straße, mein Stadtviertel, München, die Berge.

Der Abstand weitet den Blick. Und gleichzeitig habe ich den scharfen Adlerblick. Mit Übersicht, aber gestochen scharf. Der getrübte Blick wird klar. Der Körper streckt sich, ich bekomme neue Kraft.  

 

Herr, schenke mir Vertrauen und Weitblick. Lass mich nicht müde und matt werden, in den Herausforderungen des Alltags zu gehen und zu wandeln. Amen.

Carolin Lochner


Montag, 20. April

Ein bisschen noch

Neulich musste ich an meinen alten Kassettenrecorder denken. Der stand griffbereit neben meinem Bett. Und wenn abends bei „Pop nach Acht“ mit Thomas Gottschalk im Radio ein gutes Lied kam, dann hab ich blitzschnell auf den Aufnahmeknopf gedrückt. Hat sich später herausgestellt, dass das Lied doch nicht sooo toll war, oder die Aufnahme schlecht, hab ich einfach zurückgespult und was Neues aufgenommen.

Ich hätte gern so einen Recorder für die Welt. Dann würde ich jetzt bald mal zurückspulen und diesen Frühling nochmal neu aufnehmen. So schöne Tage würde ich aufnehmen mit Sonne und einem lauen Lüftchen. In der Nacht würde es mal so richtig regnen, weil die Natur das ja auch braucht. Dienstags und Donnerstags würde ich ganz normal in die Schule gehen. Die letzten Konfi-Tage vor der Konfirmation würden stattfinden. Ich hätte meinen Friseurtermin, wie geplant, und würde beim monatlichen „Mädelsabend“ meine Freundinnen treffen. Wir würden die Ostertage genießen, wie gewohnt.

Und alles ohne Corona.

Leider gibt es diesen Rückspulknopf für die Welt nicht. Andererseits ist es vielleicht auch besser so. „Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden.“ so wird der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard gern zitiert. Nach vorne schauen, heißt das doch auch. Die ersten Lockerungen kommen, aber ein bisschen Geduld brauchen wir noch. Geduld und dass wir nicht aufhören, die Herzen eng zusammen zu rücken.

So singt es die Band „Silbermond“ in einem aktuellen Lied:

„Auch wenn um uns gerade alles wackelt
und es Abstand braucht,
rücken wir die Herzen eng zusammen,
machen wir das Beste draus“.

Halten Sie durch!

Verena Übler

 


Sonntag, 19. April​

Ansprache siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 18. April

„Ich glaube, jetzt brauchen wir einfach Geduld“, hat gestern jemand zu mir gesagt. Ja, das stimmt wohl. Geduld ist für mich ein schillerndes Wort. Auf der einen Seite klingt es nach Passivität, nach bloßem Warten und Hinnehmen. Aber es gibt auch noch eine andere Seite. In meinem Bücherregal steht ein Gedichtband vom Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti mit dem Titel „Geduld und Revolte“. Das klingt anders als bloße Passivität. Im Neuen Testament steht für die Geduld das Wort Hypomone, wörtlich „Darunter-Bleiben“, das Ausharren, die Ausdauer, das Standhalten.

Das andere Wort ist Makrotymia, der große Mut, der Langmut gegen über anderen. Der große Mut sieht größer, hat einen weiteren Blick. Er verzichtet auf das Sofort, setzt den anderen nicht unter Druck, tritt auch mal einen Schritt zurück, lässt Zeit für Veränderung. Der große Mut sieht auf die anderen und auf den größeren Zusammenhang.  

Es gibt im Leben viele Situationen, die Geduld fordern, die sich nicht schnell lösen und ändern lassen – nicht nur jetzt in der Coronakrise. Ich bewundere oft, wie Menschen mit solchen Situationen umgehen und sie aushalten. Einige sagen, ihr Glaube gibt ihnen dabei Kraft.

In der Bibel kommen die Geduld und der Langmut von uns Menschen aus der Liebe Gottes und seinem Langmut gegenüber uns Menschen. „Er gebe euch in der Macht seiner Herrlichkeit viel Kraft, damit ihr in allem Geduld und Langmut habt“, bittet der Autor des Briefs an die Kolosser für die Gemeinde dort.

„Ich glaube, jetzt brauchen wir einfach Geduld.“ Ja, das stimmt wohl. Ich vertraue darauf, dass Gott uns die Kraft dazu gibt – für die Ausdauer, für das Standhalten und für den großen Mut.

Felix Breitling
 


Freitag, 17. April

Eine Quarantäne mit Kunst

Charmant, wie unsere momentane Lage mit Hilfe berühmter Kunstwerke ausgedrückt werden kann. Die letzten beiden Bilder rühren besonders an unsere Sehnsucht nach Nähe und Gemeinschaft. Ein wenig müssen wir noch Durchhalten. Ein wenig dauert es noch an das „physical distancing“, das körperliche Abstandhalten. Ein soziales Abstandhalten ist es ja zum Glück nicht, da ist der viel benutzte Begriff „social distancing“ irreführend. Die vielen kreativen Aktionen, ob das nun Balkonsingen oder Videochat oder Nachbarschaftshilfe ist,  zeugen von Solidarität, von sozialem Miteinander unter besonderen Umständen.

Gebe Gott uns alle Kraft, die wir brauchen und bleiben Sie behütet!

Verena Übler


Donnerstag, 16. April

Es wird gerade viel diskutiert, wie eine Rückkehr zur Normalität möglich ist. „Erste Schritte in die Normalität“ steht heute auf einer Zeitung. Aber ich frage mich: Was ist das eigentlich, die Normalität? Wer legt fest, wie Normalität aussieht? Wollen wirklich alle in diese Normalität zurückkehren?

Es gibt eine Normalität, in die ich gerne zurückkehren möchte. Die Normalität, in der wir wieder aufeinander zugehen können, uns frei bewegen können, gemeinsam Gottesdienst, Taufen und Konfirmation feiern und uns im Seniorenkreis treffen können.  

Viele Menschen wünschen sich, möglichst schnell in die Normalität zurückzukehren, weil sie gesund werden wollen, weil sie sich um ihren Lebensunterhalt sorgen. Aber es gibt viele Menschen, für die sah die „Normalität“ noch nie gut aus.

Und ganz ehrlich, es gibt eine Normalität, in die ich nicht zurückkehren möchte. Die Normalität, dass Deutschland einer der größten Waffenexporteure der Welt ist, die Normalität, dass sehr viele Kinder auf dieser Erde keine Zukunft haben. Die Normalität, dass viele Güter sehr ungerecht verteilt sind. In diese Normalität möchte ich nicht zurückkehren. Und ich träume davon, dass Frieden und Gerechtigkeit zur Normalität werden.

Henning Luther, ein Theologe, den ich sehr schätze, hat einen bemerkenswerten Satz geschrieben: „Weltgeschichtliche und lebensgeschichtliche ‚Krisenerfahrungen‘ können aus der Welt- und Selbstvergessenheit herausreißen und die normalerweise nicht erwogene Möglichkeit, dass es auch anders sein könnte, ins Bewusstsein heben. Die Beunruhigung wird hier nicht als abzuwehrendes Unheil wahrgenommen, sondern gerade als heilsam.“ (Religion und Alltag, S. 216).

Ja, es könnte auch anders sein. Das haben die Propheten im Alten Testament mit ihrer Kritik an der „Normalität“ und mit ihren Visionen von einer anderen Welt deutlich gemacht. Auch Jesus hat mit seinem Handeln und Leben immer wieder gezeigt, dass Menschen nicht in Normen und eingespielten Mustern gefangen sind, sondern viel mehr Lebensmöglichkeiten haben.  

Jetzt ist die Zeit, darüber zu reden, in welche Normalität wir zurückkehren wollen.

Felix Breitling