Gedanken zum Tag, 13. - 19. April

Sonntag, 19. April​

Gottesdienst in der Rogatekirche mit Pfarrer Felix Breitling zum Thema "Blau"


Samstag, 18. April

„Ich glaube, jetzt brauchen wir einfach Geduld“, hat gestern jemand zu mir gesagt. Ja, das stimmt wohl. Geduld ist für mich ein schillerndes Wort. Auf der einen Seite klingt es nach Passivität, nach bloßem Warten und Hinnehmen. Aber es gibt auch noch eine andere Seite. In meinem Bücherregal steht ein Gedichtband vom Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti mit dem Titel „Geduld und Revolte“. Das klingt anders als bloße Passivität. Im Neuen Testament steht für die Geduld das Wort Hypomone, wörtlich „Darunter-Bleiben“, das Ausharren, die Ausdauer, das Standhalten.

Das andere Wort ist Makrotymia, der große Mut, der Langmut gegen über anderen. Der große Mut sieht größer, hat einen weiteren Blick. Er verzichtet auf das Sofort, setzt den anderen nicht unter Druck, tritt auch mal einen Schritt zurück, lässt Zeit für Veränderung. Der große Mut sieht auf die anderen und auf den größeren Zusammenhang.  

Es gibt im Leben viele Situationen, die Geduld fordern, die sich nicht schnell lösen und ändern lassen – nicht nur jetzt in der Coronakrise. Ich bewundere oft, wie Menschen mit solchen Situationen umgehen und sie aushalten. Einige sagen, ihr Glaube gibt ihnen dabei Kraft.

In der Bibel kommen die Geduld und der Langmut von uns Menschen aus der Liebe Gottes und seinem Langmut gegenüber uns Menschen. „Er gebe euch in der Macht seiner Herrlichkeit viel Kraft, damit ihr in allem Geduld und Langmut habt“, bittet der Autor des Briefs an die Kolosser für die Gemeinde dort.

„Ich glaube, jetzt brauchen wir einfach Geduld.“ Ja, das stimmt wohl. Ich vertraue darauf, dass Gott uns die Kraft dazu gibt – für die Ausdauer, für das Standhalten und für den großen Mut.

Felix Breitling
 


Freitag, 17. April

Eine Quarantäne mit Kunst

Charmant, wie unsere momentane Lage mit Hilfe berühmter Kunstwerke ausgedrückt werden kann. Die letzten beiden Bilder rühren besonders an unsere Sehnsucht nach Nähe und Gemeinschaft. Ein wenig müssen wir noch Durchhalten. Ein wenig dauert es noch an das „physical distancing“, das körperliche Abstandhalten. Ein soziales Abstandhalten ist es ja zum Glück nicht, da ist der viel benutzte Begriff „social distancing“ irreführend. Die vielen kreativen Aktionen, ob das nun Balkonsingen oder Videochat oder Nachbarschaftshilfe ist,  zeugen von Solidarität, von sozialem Miteinander unter besonderen Umständen.

Gebe Gott uns alle Kraft, die wir brauchen und bleiben Sie behütet!

Verena Übler


Donnerstag, 16. April

Es wird gerade viel diskutiert, wie eine Rückkehr zur Normalität möglich ist. „Erste Schritte in die Normalität“ steht heute auf einer Zeitung. Aber ich frage mich: Was ist das eigentlich, die Normalität? Wer legt fest, wie Normalität aussieht? Wollen wirklich alle in diese Normalität zurückkehren?

Es gibt eine Normalität, in die ich gerne zurückkehren möchte. Die Normalität, in der wir wieder aufeinander zugehen können, uns frei bewegen können, gemeinsam Gottesdienst, Taufen und Konfirmation feiern und uns im Seniorenkreis treffen können.  

Viele Menschen wünschen sich, möglichst schnell in die Normalität zurückzukehren, weil sie gesund werden wollen, weil sie sich um ihren Lebensunterhalt sorgen. Aber es gibt viele Menschen, für die sah die „Normalität“ noch nie gut aus.

Und ganz ehrlich, es gibt eine Normalität, in die ich nicht zurückkehren möchte. Die Normalität, dass Deutschland einer der größten Waffenexporteure der Welt ist, die Normalität, dass sehr viele Kinder auf dieser Erde keine Zukunft haben. Die Normalität, dass viele Güter sehr ungerecht verteilt sind. In diese Normalität möchte ich nicht zurückkehren. Und ich träume davon, dass Frieden und Gerechtigkeit zur Normalität werden.

Henning Luther, ein Theologe, den ich sehr schätze, hat einen bemerkenswerten Satz geschrieben: „Weltgeschichtliche und lebensgeschichtliche ‚Krisenerfahrungen‘ können aus der Welt- und Selbstvergessenheit herausreißen und die normalerweise nicht erwogene Möglichkeit, dass es auch anders sein könnte, ins Bewusstsein heben. Die Beunruhigung wird hier nicht als abzuwehrendes Unheil wahrgenommen, sondern gerade als heilsam.“ (Religion und Alltag, S. 216).

Ja, es könnte auch anders sein. Das haben die Propheten im Alten Testament mit ihrer Kritik an der „Normalität“ und mit ihren Visionen von einer anderen Welt deutlich gemacht. Auch Jesus hat mit seinem Handeln und Leben immer wieder gezeigt, dass Menschen nicht in Normen und eingespielten Mustern gefangen sind, sondern viel mehr Lebensmöglichkeiten haben.  

Jetzt ist die Zeit, darüber zu reden, in welche Normalität wir zurückkehren wollen.

Felix Breitling
 


Mittwoch, 15. April

Fast jeden Tag drehen mein Mann und ich unsere Runde über den Ostfriedhof. Mal links rum, mal rechts rum, und auf alle Fälle an den Kaskaden vorbei (leider noch immer ohne Wasser). Am Ende sind wir dann fast 4 km gelaufen.
Ein Friedhof strahlt eine ganz eigene Atmosphäre aus. Friedlich, ja, in der Tat - aber nur, wenn man weit genug von der S-Bahn-Strecke entfernt ist. Viele Gräber sind frisch bepflanzt mit Stiefmütterchen und Gottesaugen in allen Farben. Die Bäume sind in diesen Wochen grün geworden, von manchen „schneit“ es herunter, wenn der Wind durch die Blüten weht. Die Vögel zwitschern und unerschrockene Eichhörnchen jagen sich die Bäume rauf und runter.
Wir laufen, unterhalten uns und studieren immer wieder die Inschriften auf den Grabsteinen und Kreuzen. Manche sind ungewollt (oder vielleicht doch gewollt?) zum Schmunzeln – siehe Foto.

So viel Geschichte, so viel Lebensgeschichte ist an diesem Ort vereint. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Wenn ein Mensch stirbt, ist es als würde eine ganze Bibliothek verbrennen.“

Gerade „verbrennen viele Bibliotheken“ und es stimmt mich traurig, dass diese Menschen oftmals gar nicht gleich gewürdigt werden können. Viele Trauerfeiern werden erst einmal verschoben.
Und mit verschoben wird sicher auch die eine oder andere Trauerarbeit. So schnell kann man innerlich gar nicht hinterherkommen. Ich hoffe sehr, dass ganz viel von dem, was wir in diesen Ostertagen hören, lesen, sehen, dass ganz viel von unserem Auferstehungsglauben all denen, die es ganz besonders brauchen, Trost gibt und Mut macht, Kraft schenkt und aushalten lässt.

Mein Wunsch für diese Tage:

Gelassenheit den Sorgenden
Mut den Verzagten

Trost den Traurigen
Geborgenheit den Einsamen

Hoffnung den Ausgegrenzten
Freiheit den Gefangenen

Wasser in der Wüste und Brot für den Weg
Berührung des Herzens


Verena Übler


Dienstag, 14. April

Ostern 2020.  Eine Reflexion.
Ich lade Sie ein, sich Zeit zu nehmen. Die Gedanken kommen und gehen zu lassen. Vielleicht mögen Sie sich Notizen machen. Oder Sie setzen einfach Pausen zwischen die Fragen. Sie bestimmen selbst, wie viel Raum Sie dem Nachspüren geben wollen.

Worüber hab ich mich gefreut?
     Was waren meine österlichen Lichtblicke?
     Woran mache ich meine Osterfreude fest?

Wie habe ich gefeiert?
     Wer war dabei? In welcher Form, über welchen Kanal?
     Wie ging es mir dabei?
     Welche Traditionen habe ich dieses Jahr gepflegt? Was gab es zu essen?
     Was stand auf dem Programm? Welches Gespräch hat mich beschäftigt?

Inwiefern war es anders?
     Was hat mir gefehlt?
     Was habe ich neu probiert?
     Was möchte ich nächstes Jahr genauso machen wie dieses Jahr?
     Was darf nächstes Jahr keinesfalls fehlen?

Was nehme ich für mich mit?
     Was habe ich dieses Jahr bewusster wahrgenommen?
     Inwiefern ist in mir Ostern geworden?
     Was hat mich bewegt, berührt?
     Inwiefern hat mir dieses Ostern Kraft gegeben für die kommende Zeit?
     Was ist in mir neu geworden?
     Was möchte ich mitnehmen? Wie kann es täglich Ostern werden?

Martin Luther:
"Bei uns ist alle Tage Ostern, nur dass man einmal im Jahr Ostern feiert."


Carolin Lochner


Ostermontag, 13. April

Pfarrer Felix Breitling in der Offenbarungskirche

Zwei der Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus. Ein Dorf, etwas mehr als 60 Kilometer von Jerusalem entfernt. Sie wollten nur noch fort von dem Ort, an dem alle ihre Hoffnungen zerstört wurden. Auf dem Weg sprechen sie darüber, was sie in den vergangenen Tagen in Jerusalem erlebt haben. Da nähert sich ihnen ein Unbekannter. Es ist Jesus, aber sie erkennen ihn nicht. Zu sehr sind sie in sich verschlossen, enttäuscht und gefangen in ihrer Trauer. Gehen auf ihrem Weg mit engem Blick. Wie unter Schock sind sie nach dem, was sie erlebt hatten.
Er geht mit ihnen, teilt ihren Weg und hört ihnen einfach zu. „Über was sprecht Ihr da?“, fragt er sie. „Bist Du der Einzige, der nicht weiß, was in Jerusalem in den vergangenen Tagen geschehen ist?“, entgegnen sie irritiert. „Was denn?“, fragt er zurück. Jesus fragt, damit sie erzählen können, was sie bewegt. Damit sie Worte finden können für ihre Trauer. Sie erzählen ihm von der Kreuzigung, von ihren zerstörten Hoffnungen, vom leeren Grab und er versucht mit ihnen, einen Sinn in all dem zu finden, eine Spur, auf der sie weitergehen können.
Als sie sich zusammen dem Dorf Emmaus nähern und es Abend wird, bitten sie ihn, bei ihnen zu bleiben: „Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt“, sagen sie zu ihm. Er geht mit ihnen ins Haus und bleibt bei ihnen. Nun sitzen sie gemeinsam am Tisch. Er nimmt das Brot, dankt und bricht es auseinander - er feiert mit ihnen, so wie bei ihrem letzten gemeinsamen Mahl vor seinem Tod. Da erkennen sie, wer bei ihnen war. Und er verschwindet. Sie sehen die Auferstehung mit ihren eigenen Augen. „Hast Du es nicht gemerkt? Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete?“ fragen sie sich.
Miteinander ein Stück Weg teilen, sich zuhören und nicht gleich eine Antwort parat haben. Erzählen dürfen, was mich bewegt. Gemeinsam nach Sinn suchen und einer Spur, auf der ich weitergehen kann. Gott erfahren, auch wo ich ihn nicht vermute. Abendmahl feiern, an einem Tisch sitzen und Gastfreundschaft leben können – ich hoffe, dass das bald wieder möglich ist.
Zum Nachlesen: Lukas 24, 13-35

Gebet
O unvertrauter Gott,
wir suchen Dich an Orten,
die du schon verlassen hast,
und sehen dich nicht,
selbst wenn Du vor uns stehst.
Gib, dass wir Dich in Deiner Fremdheit erkennen
und uns nicht an vertrauten Schmerz klammern,
sondern frei sind,
die Auferstehung zu verkünden,
im Namen Christi.
Amen.


(Janet Morley)