Gedanken zum Tag, 1. - 15. Mai

Freitag, 15. Mai

Das Passwort

Ich teile heute einen Gedanken zum Tag aus der Bahnhofkirche Zürich in der Schweiz mit Ihnen.

Die Bahnhofkirche im Hauptbahnhof Zürich ist ein ökumenisches Angebot der katholischen und der reformierten Kirche von Stadt und Kanton Zürich und offen für alle Menschen, gleich welcher Religion oder Konfession. Sie ist eine Kirche am Weg, eine Werktagskirche. Herausgesucht habe ich das sogenannte Weg-Wort mit dem Titel: Passwort

https://www.bahnhofkirche.ch/2020/05/05/das-passwort/


Carolin Lochner


Donnerstag, 14. Mai

Der Globus

Ich nehme den Globus
von der Kommode
und halte gleichsam die ganze Erde
in beiden Händen.Schön zu sehen in bunten Farben
fünf Kontinente,
umgeben von Ozeanen und Meeren,
schön zu sehen aus dieser Warte… -

doch was sich dahinter verbirgt
auf unserer Erde
im Großen und Kleinen,
an Schicksal und menschlicher Tragik,
in den Hütten der Armen,
in den Booten der Flüchtenden,
zwischen den Fronten
als Spielball der Mächtigen,
das alles liegt nicht
in meinen Händen.

So stelle ich
bittend und hoffend
den Globus zurück an seinen Platz,
und stelle das Leben der vielen,
aber mein eigenes auch,
in deine Hände,
mein Gott.

Der Text von Karl Schmidt war ein geistlicher Impuls für eine Kirchenvorstandssitzung. Eingebracht von einer Kirchenvorsteherin. Er verknüpft sich für mich mit dem Spiritual: He’s got the whole world in his hands. Ja, Gott hält die Welt in der Hand. Darauf hoffe ich, darauf vertraue ich.

Verena Übler

 


Mittwoch, 13. Mai

Die Küche

Kartoffeln schälen, Zwiebeln schneiden, den Teig durchkneten – Kochen ist Arbeit, manchmal sehe ich es auch als ein Gebet mit den Händen und mit meinen Sinnen. Ich staune über die Vielfalt und Schönheit der Formen, der Farben, der Düfte, des Geschmacks – über die roten Paprika, die grünen Gurken, die knolligen Kohlrabis. Über die vielen Erscheinungsformen von Milch – Sahne, Joghurt, Quark, verschiedenste Käsesorten. Unglaublich, wie viele Gewürze es gibt. Ich finde es auch immer wieder beeindruckend, wie ein Hefeteig aufgeht.

Und wenn dann der Duft über der Küche liegt, dann kann ich Esau, den Bruder Jakobs, gut verstehen, dass er sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkauft hat, spontan, aus dem Bauch heraus.

Wer zusammen isst, der gehört zusammen. Wenn Jesus vom Anbrechen der neuen Welt Gottes spricht, dann verwendet er das Bild von einem großen Gastmahl: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit.

Die Küche ist ein Ort der Seelsorge. Was Luther mit Seele übersetzt, hebräisch die näphäsch, bedeutet ja eigentlich: die Kehle, der Schlund, der nach Essen und Trinken verlangt, voller Lebenshunger und Lebensdurst. Nach Leben in Fülle.

Essen hält Leib und Seele zusammen. Das wusste auch Luther: „Bei den Angefochtenen ist Enthaltsamkeit hundertmal schlechter als Essen und Trinken … Wenn ihr angefochten werdet durch Trübsal oder Verzweiflung oder durch eine Gewissensnot, dann esst, trinkt, sucht Unterhaltung …“ schreibt er.

Und ganz ehrlich: Die besten und intensivsten Gespräche finden auf Partys meistens in der Küche statt. Hier wird ein letztes Glas im Stehen getrunken und hier werden die letzten Reste aufgegessen.

 „Herr der Töpfe und Pfannen“ so lässt die spanische Mystikerin Theresa von Avila, die im 16. Jahrhundert gelebt hat, eines ihrer Gebete beginnen. Sie ist fest davon überzeugt: Gott ist auch in ihrer Küche. Er sieht sie, wenn sie Töpfe und Pfannen schrubbt und er würdigt das. Gott ist nicht nur der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde, sondern auch der Herr der Töpfe und Pfannen. Die Küche ist ein besonderer Ort – schätzt ihn nicht gering.

Felix Breitling


Dienstag, 12. Mai

Kontaktbeschränkung statt Ausgangsbeschränkung. Es fühlt sich gleich viel freier, legaler an auf einer Parkbank zu sitzen, die Wohnung zu verlassen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Wieder gewonnene Freiheit tut der Seele gut. Mit der Freiheit kommt auch die Verantwortung.

Und diese Verantwortung ist nun von jedem Einzelnen gefragt. Für sich und vor allem auch für andere. Jeder muss nun wieder für sich prüfen: Wie nahe komme ich anderen Menschen? Welcher Weg ist notwendig? Was kann ich wieder wagen, ohne andere zu gefährden? Wie ist mein Mundschutz tatsächlich ein Schutz für andere?

Paulus schreibt im Brief an die Philipper im ersten Kapitel, Verse 9 und 10: Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei.

Die Liebe wünsche ich uns, die Liebe für die Menschen, um uns herum, zu Hause, die Nachbarn, die Menschen auf der Straße, die Verkäufer*innen, die Menschen in den Pflege- und Seniorenheimen, Schüler*innen und Lehrkräfte, allen Menschen, denen wir begegnen. In der Liebe den anderen und seine Sorgen erkennen und mit Menschen Erfahrungen machen. Ein genaues Hinsehen in Distanz ist derzeit von Nöten mit verdecktem Mund und Nase. Ein genaueres und vielleicht auch längeres Hinsehen. In der Liebe prüfen, was das Beste sei. Erkennen, erfahren, tun.

Carolin Lochner


Montag, 11. Mai

„Öffentliche Gottesdienste“ endlich wieder möglich.“

Ein wenig irreführend war diese Schlagzeile ja schon. „Öffentlich“ waren ja auch die vielen digitalen spirituellen Angebote in den letzten Wochen, die Online- und Fernseh-Gottesdienste, die Andachten und geistlichen Impulse. Manches wurden gestreamt, anderes erst gedruckt und dann in den Kirchen zum Mitnehmen ausgelegt. Landauf, landab waren die Gemeinden „öffentlich“ kreativ, um mit den Menschen in Kontakt zu sein und die Frohe Botschaft zu verkünden.

Gemeint war mit der Schlagzeile natürlich, dass man seit gestern wieder direkt in den Kirchen Gottesdienst feiern darf. Unter bestimmten Auflagen, wie z.B. Mund-Nase-Bedeckung, Abstandsgebot und Hände-Desinfektion.

Auch bei uns hat der erste solche Gottesdienst stattgefunden, in der Offenbarungskirche, so wie im Jahresplan vorgesehen.

Für mich war es komisch und schön zugleich. Komisch war vor allem, mit der Mund-Nase-Bedeckung da zu sitzen. Es sieht befremdlich aus, das Atmen ist anstrengend, die Brille beschlägt. Schön war es, mit den anderen gemeinsam im Kirchenraum zu sitzen und eben gemeinsam den Gottesdienst zu feiern. Nicht ganz wie gewohnt, denn wir haben nicht gesungen, sondern uns im Summen probiert, aber eben doch miteinander. Beim Fernsehgottesdienst – der grundsätzlich auch eine schönes Angebot ist – habe ich persönlich mich in den letzten Wochen doch stark als Zuschauerin erlebt, weniger als Mitfeiernde.

Es tut gut, im Kreis Gleichgesinnter Gott zu loben, über einen biblischen Text nachzudenken, zu beten, an Verstorbene Gemeindeglieder zu denken, der Orgel zu lauschen. Dieses inmitten von Gleichgesinnten zu sein, gibt mir Kraft.

Und wenn ich dann noch in der Predigt bei allem Schweren und Ungewissen, das auch benannt und nicht geleugnet werden muss, Hoffnung zugesprochen bekomme, dann kann ich wirklich gestärkt in die neue Woche gehen. Die Hoffnungsworte, mit der die Predigt von Pfarrer Breitling endete, gebe ich Ihnen hier noch mit für Ihre kommende Woche:

„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." (Römer 8, 38-39)


Verena Übler

P.S. Nächsten Sonntag feiern wir um 10 Uhr Gottesdienst in der Rogatekirche.


Sonntag, 10. Mai

Ansprache siehe "Predigten zum Nachhören"


Samstag, 9. Mai - Geburtstag von Sophie Scholl

Am 9. Mai 1921, heute vor 99 Jahren, wurde Sophie Scholl in Forchtenberg geboren. Lina Sofie steht in der Geburtsurkunde. „Sofie – mit ,f‘ und unterstrichen – sollte ihr Rufname sein, und so haben es in der Regel alle für die nächsten zwanzig Jahre gehalten, auch sie selbst. Die Eltern und die älteste Schwester Inge blieben dabei – aber Sofie selbst hat sich ungefähr nach dem zwanzigsten Lebensjahr immer öfter ,Sophie‘ genannt“ schreibt die Biographin Barbara Beuys.[1]

Der Gedanke zum Tag ist heute ein Gebet [2], das Sophie Scholl am 15. Juli 1942 in ihr Tagebuch geschrieben hat:

Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit.
Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, damit Dein Same nicht umsonst in sie falle, wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer, den ich so oft nicht mehr sehen will.

 

Ich bitte Dich von ganzem Herzen, zu Dir rufe ich, „Du“ rufe ich, wenn ich auch nichts von Dir weiß, als daß in Dir allein mein Heil ist, wende Dich nicht von mir, wenn ich Dein Pochen nicht höre, öffne doch mein taubes Herz, mein taubes Herz, gib mir die Unruhe, damit ich hinfinden kann zu einer Ruhe, die lebendig ist in Dir.
O, ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mit mir nach Deinem guten Willen, ich bitte Dich, ich bitte Dich.

Dir in die Hand will ich meine Gedanken legen an meinen Freund, diesen kleinen Strahl der Sorge und der Wärme, diese winzige Kraft, verfüge Du mit mir nach deinem besten, denn Du willst es, daß wir bitten und hast uns auch im Gebet für unseren Bruder verantwortlich gemacht. So denke ich an alle anderen. Amen


Felix Breitling


[1] Barbara Beuys: Sophie Scholl. Biografie, Berlin 22017, 30f.

[2] Hans Scholl und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen, hg. von Inge Jens, Frankfurt, 92005, 261.


Freitag, 8. Mai

Der Krieg ist aus.

Ich versuche mir vorzustellen, welche Gefühle diese vier Worte vor 75 Jahren in den Menschen ausgelöst haben. Erleichterung? Ungläubigkeit? Freude? Angst?

Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem. Noch wusste man ja nicht, wie es weitergehen würde. Die Zukunft war sehr ungewiss.

Bei meinen Senioren-Geburtstagsbesuchen vor 20 Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Männer, kaum dass ich die Wohnung betreten hatte oder auf einem Stuhl saß, schon mitten im Krieg waren. Viele Geschichten habe ich erzählt bekommen, viele Tränen sind geflossen auch Jahrzehnte nach Kriegsende. Für mich als junge Frau war das sehr bewegend. Die Erfahrungen und Erlebnisse des Krieges haben viele Menschen ein Leben lang nicht losgelassen. Vor allem auch, weil es zu der Zeit damals wenig Kenntnisse über posttraumatische Belastungsstörungen und den Umgang damit gab. Vieles wurde im allgemeinen Aufschwung verdrängt und unterdrückt, aber eben nicht verarbeitet.

Inzwischen leben viele Zeitzeug*innen nicht mehr. Wir können kaum mehr aus erster Hand erfahren, wie es damals im Krieg war. Um so wichtiger ist es, dass wir selbst die Erinnerungskultur pflegen und uns immer wieder ins Bewusstsein rufen, welch kostbares Gut der Frieden ist. Uns zu erinnern ist wichtig für den Blick nach vorn, um die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Einer unserer Konfirmanden hat sich als Konfirmationsspruch einen Vers aus der Bergpredigt Jesu, aus den Seligpreisungen ausgesucht: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5, 9)

Ich freue mich, dass auch ein junger Mensch, der 60 Jahre nach Kriegsende geboren wurde, ein Gespür für die Bedeutung von Frieden hat. Das lässt mich hoffen. Vor allem auch angesichts zunehmender nationalistischer und rechtspopulistischer Entwicklungen bei uns und in Europa insgesamt.

Frieden fällt nicht vom Himmel, es ist unser aller Aufgabe, uns unermüdlich für Frieden einzusetzen – „Frieden zu stiften“ - je an unserem Ort.


Verena Übler


Donnerstag, 7. Mai

Es jammerte ihn

Jesus zieht durchs Land, er heilt Menschen und nimmt wahr, dass das Elend der Menschen groß ist. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn, heißt es.

„Es jammerte ihn“. Im aktiven Sprachgebrauch ist diese Wendung wahrscheinlich äußerst selten. Vielleicht kommt sie auch nur in der Bibel vor. Das Wort das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt hat, bedeutet im Griechischen, die Not eines anderen so wahrzunehmen, dass es einem an Herz und Nieren geht und die Innereien buchstäblich durcheinanderbringt.[1] Man könnte auch sagen, es geht einem durch Mark und Bein oder durch und durch.

„Kyrie eleison“, Herr erbarme dich, „Christe eleison“, Christus erbarme dich - beten wir im Gottesdienst. Wir bitten das einen Herrn, der nicht teilnahmslos über uns steht, sondern, den es jammert und der sich über uns erbarmt.
Wir bekennen uns damit als Menschen, die sich nach heilem Leben sehnen, die Gottes Zuwendung bedürfen und die in ihrem Leben auf Erbarmen angewiesen sind. Das hat nichts mit sich klein machen zu tun. Ich glaube eher mit ehrlicher Selbsterkenntnis.

Wenn ich mir dessen bewusst bin, dann sollte es kein Gefälle mehr im Miteinander geben, sondern echte Solidarität – denn der und die andere ist so bedürftig nach Zuwendung wie ich und ich bin so bedürftig wie die und der andere.

Das „Es jammerte ihn“ Jesu, das ist keine Betroffenheit à la „Ach ja, das ist schlimm.“
Nein, es geht ihm an Herz und Nieren, die Not der Menschen rührt ihn zutiefst an. Jesus sieht die konkrete Notsituation der Menschen und will ihr ein Ende machen.

Er sammelt seine Jünger und Jüngerinnen zusammen, schickt sie auf den Weg und gibt ihnen Macht, zu heilen. Er traut und mutet ihnen damit einiges zu. Menschen, die als Fischer aus ganz normalen Berufen kamen, die als Zöllner bei anderen verhasst waren und die auch später - wie Petrus und Judas - ihre Fehlschläge tun werden. Er beruft Menschen, die selbst zutiefst auf Erbarmen angewiesen sind.

Auch wir sind auf den Weg geschickt, für andere heilsam zu sein, miteinander und aufeinander angewiesen. Übrigens: Jesus hat seine Jünger nie alleine auf den Weg geschickt.


Felix Breitling


[1] Vgl. Beintker: Rechtfertigung, 176.
 

Mittwoch, 6. Mai

Letzte oder vorletzte Woche wurde in einem Tagesschau-Extra ein kleines Mädchen gefragt, was denn dieses Zuhausebleiben wegen Corona mit ihr macht. Sie hat dann ungefähr folgendes geantwortet: „Also manchmal, da ist es dann so, also, da muss man dann einfach in sein Zimmer gehen und sich auf’s Bett werfen und mal heulen.“
Ja, so ist das in der Tat. Manchmal muss man einfach eine Runde heulen. Das tut gut und hinterher sieht man meistens irgendwie klarer.

Das findet auch Anna, wie man in einem ihrer Briefe an Mister Gott nachlesen kann:
„Lieber Mister Gott! Heute schreib ich dir über meinen Freund Fynn. Es gibt ja welche, die nicht genau wissen, wie Fynn ist, und das find ich traurig, weil Fynn, das ist der beste Mensch von der Welt. Er ist sehr groß und stark, aber er ist trotzdem sehr nett und sehr lieb. Er kann mich mit Schwung in die Luft werfen und dann auch wieder auffangen. Wie ein schöner Baum aus Mensch ist er. Aber das weißt du ja auch.
Fynn sagt, wenn man in einem Haus wohnt, wo die Scheiben ganz schmutzig sind, und guckt raus, dann meint man, die Welt draußen ist so schmutzig, dabei ist sie es gar nicht. Und wenn man von draußen reinguckt ins Haus, dann denkste, es ist innen ganz schmutzig, aber das stimmt auch nicht. Es sind immer nur die Fenster, die schmutzig sind. Und Fynn sagt deshalb, nämlich, dass alle Menschen zwei verschiedene Arten von Fenstern haben: die Augenfenster, davon haben sie zwei, und das Herzfenster, davon hat jeder nur eins. Die Augenfenster sind da, um rauszugucken, und das Herzfenster ist da, um nach innen reinzugucken.
Wenn man weint, sagt Fynn, dann ist das nicht nur wegen was Traurigem. Es ist auch dafür, dass man mal die Augenfenster putzen muss. Wenn sie dann sauber geworden sind von den Tränen, kann man besser durchgucken, und dann ist die Welt wieder viel heller als vorher.
Manchmal guck ich lieber durch’s Herzfenster wie durch die Augenfenster. Weil, draußen kenn ich bald alles, was es zu sehen gibt. Aber wenn ich durch’s Herzfenster nach innen reinguck, da seh ich immer Neues. Bei mir auch. Denn von Innen, sagt Fynn, kennt sich niemand so gut, wie er seinen Garten kennt oder die Leute von gegenüber. Und das ist, weil das Herzfenster aus anderem Glas ist. Nach draußen, durch die Augenfenster, siehste meistens klarer, findet Fynn.
Aber ich glaub, ich seh mit dem Herz besser.“

Also, putzen wir unsere Augenfenster, wenn sie es nötig haben, damit wir wieder klar sehen, was draußen vor sich geht. Und versäumen wir aber auch nicht, durch’s Herzfenster nach innen zu gucken. Ich bin sicher, da gibt es viel zu entdecken. Viel, das uns Mut macht und Kraft gibt. Viel, das uns Durchhalten lässt.

Verena Übler

P.S. - das Anna-Zitat ist aus: Fynn „Anna schreibt an Mister Gott“, Fischer-Verlag 2000


Dienstag, 5. Mai

Jubilate!

„Jubilate – Jubelt!“ Das Thema des Sonntags vorgestern. Doch jubeln in diesen Tagen? Worüber oder worauf freuen? Planbar ist gerade gar nichts. Es ist ein Leben in Ungewissheit. Ein Leben von Tag zu Tag, Woche zu Woche. Keiner kann sagen, was in 3 Monaten ist, wie Leben bei uns sein wird. Erste Schritte geht es gefühlt vorwärts. Doch unsicher ist die neue Freiheit. Wie reagieren die Mitmenschen? Nehmen sie Rücksicht auf mich? Wie lange dauert sie an, die neue und doch so andere Freiheit? Wir wissen es nicht. Die Vorfreude auf weiter Entferntes hat es gerade schwer…

Doch was ist Freude? Mit dem dänischen Philosophen und Theologen Soeren Kierkegaard gesprochen: Zu sein heißt für heute da sein – das ist Freude. Besonders jetzt, wo es Frühling ist, da gibt es für ihn Anlass zur Freude:

Es wird Frühling; Vögel schwärmen herbei, dich zu erfreuen; das Grün sprießt, der Wald wächst schön und steht da wie eine Braut, um dir Freude zu schenken.

Bestimmt fallen Ihnen noch weitere Bilder des Frühlings ein, die Sie erfreuen oder erfreut haben in diesen letzten Tagen: Tulpenmeere, Entenküken, Pfützen, die die Kinder erfreuen, Bienensummen, Pusteblumen, gelbe Wiesen voller Löwenzahn, und und und. Mir fällt da auch die Nachbarin ein, welche jedes Jahr liebevoll und mit großem Zeitaufwand den ganzen Wohnblock mit verschiedensten Blumen umsäumt. Es ist immer eine Freude, daran vorbeizulaufen. Egal, wie es mir gerade geht.

Kierkegaard fragt: All das sollte nichts sein, worüber du dich freuen kannst?

Jubilate – jubelt!

Caroline Lochner


Montag, 4. Mai

Weißt du, wie ich manchmal fühle?

In einer Zeit, in der der gewohnte Alltag und die gewohnte Abwechslung fehlen, erleben viele Menschen gerade ganz viele unterschiedliche Gefühlszustände und Stimmungen: Müdigkeit, Wut, Gelassenheit, Angst, eine große Ruhe, Aggressivität, Ohnmacht und viele andere.
Wir sollten uns für unsere Gefühle nicht verurteilen. Ich glaube, es ist wichtig, sie wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen. Wir tun uns nichts Gutes, wenn wir unsere Gefühle verdrängen.
Wenn ich immer mal wieder innehalte mitten am Tag und mir bewusst werde, wie es mir im Moment geht, dann lerne ich mich besser kennen und merke, ich bin bestimmten Situationen im Alltag und meinen Gefühlen, die damit einhergehen, nicht ausgeliefert.

Vielleicht kennen Sie die folgende Geschichte:
Eine alte Indianerin saß mit einem jungen Mädchen am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden, das Feuer knackte, die Flammen züngelten zum Himmel. Die Frau sagte nach einer Weile des Schweigens: „Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere ist liebevoll, sanft und mitfühlend.“
Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?“ fragte das Mädchen. Bedächtig antwortete die alte Frau dem Mädchen: „Der, den ich füttere.“ [Quelle unbekannt]


Manchen Menschen tut es gut, ihre Gefühle vor Gott zu bringen, andere schreiben ein Tagebuch, andere wieder erzählen davon einer guten Freundin oder einem vertrauten Freund.
Dann ist es ausgesprochen, in Worte gefasst, zu Papier gebracht.
Unsere Gefühle sind etwas vom Wichtigsten, was wir Menschen haben. Deshalb sollten wir unsere eigenen und die Gefühle von anderen nicht kleinreden.
Erst wenn ich die beiden Wölfe gut kenne und weiß, weshalb sie so reagieren, dann weiß ich mit der Zeit, wie ich mit ihnen umgehe.

Felix Breitling


Sonntag, 3. Mai

Videoansprache siehe "Predigten zum Nachhören"

Wissen Sie ihn noch? Ihren Konfirmationsspruch? Meiner geht so: „Denn wer da bittet, der empfängt, wer da sucht, der findet und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Er steht bei Matthäus 7, 8. Vor ziemlich genau 40 Jahren, nämlich am 11. Mai, bekam ich ihn in Erlangen in der Thomaskirche zugesprochen. Seitdem begleitet er mich.

Wir haben unsere Konfirmanden und Konfirmandinnen gebeten, sich selbst per Video aufzunehmen und uns ihren Konfirmationsspruch zu sagen. Sie haben ihn sich selbst ausgesucht und hätten ihn heute bei der Konfirmation zugesprochen bekommen.
Eigentlich.
Sehen und hören Sie selbst. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Verena Übler


Samstag, 2. Mai

Kennen Sie Kommissar Beck? In der schwedisch-deutschen Krimiserie ermittelt Martin Beck als Leiter der Stockholmer Kriminalpolizei in schwierigen Mordfällen. Mir gefällt besonders eine der Nebenpersonen und zwar der komische Nachbar von Kommissar Beck. Die beiden begegnen sich immer auf ihren nebeneinanderliegenden Balkonen. Der Nachbar möchte gern Freundschaft schließen und bei einem Gläschen Wein über Gott und die Welt philosophieren. Allerdings überrumpelt er den zurückhaltenden Kommissar immer etwas mit seiner unkonventionellen Art.
Einmal geht es um die Frage, ob der Nachbar an Gott glaubt.
Er antwortet: „Sagen wir mal so: Für mich ist Gott ungefähr das, was die Fährschiffe nach Maksund für die Möwen sind.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Man folgt ihnen und hält doch einen gewissen Abstand dabei. So hat man sein ganzes Leben jemanden, der einem die Route vorgibt.“

Ich finde dieses Gottesverständnis gar nicht schlecht. Die Möwen sind mal näher dran, mal weiter weg vom Fährschiff. Wahrscheinlich können sie nicht ganz erfassen, was ein Fährschiff ist, aber sie wissen, dass es ihnen gut tut. Sie bleiben in Kontakt. Das ist der vielleicht wichtigste Punkt für mich an diesem Vergleich: mit Gott in Kontakt bleiben.

Morgen wäre für unsere 12 jungen Konfirmand*innen der große Tag gewesen – ihre Konfirmation. Wir haben sie aus gutem Grund auf nächstes Jahr verschoben.
Ich wünsche mir  für unsere Konfirmand*innen, dass sie mit Gott in Kontakt bleiben. Ich weiß nicht, ob Gott uns so genau wie ein Fährschiff die Route durch’s Leben vorgibt. Wenn man Route aber durch Maßstäbe ersetzt – oder durch den heute oft ungeliebten Begriff „Gebote“ – dann kann man, finde ich, getrost folgen. Unterm Strich geht es dabei doch ganz einfach um die Liebe.

„Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Markus 12, 29-31)

Dass unsere „Konfis“, genau wie wir alle, selbst fliegen und gleichzeitig auf diese Route vertrauen, dafür bete ich.


Verena Übler


Freitag, 1. Mai

Alles neu

„Alles neu macht der Mai“. Diese Redewendung stammt aus einem Lied: „Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei. Lasst das Haus, kommt hinaus! Windet einen Strauß! Rings erglänzet Sonnenschein, duftend prangen Flur und Hain: Vogelsang, Hörnerklang tönt den Wald entlang.“ Nach den Eisheiligen Mitte Mai ist der Winter dann wirklich vorbei. Die Saat kann jetzt sicher wachsen. Die Liedstrophe ist voller Aufbruch, Frühlingslaune und Energie, all dem, wonach ich mich gerade sehne.

Neuanfänge und das Neuwerden sind ein großes Thema in der Bibel. Die Bibel erzählt von Menschen, die aus ihrer Trauer ins Leben gehen. Von Menschen, die nach Schuld Vergebung erfahren. Von Menschen, die aufbrechen. Das Vergangene nehmen sie mit, oft bleiben Narben. Und doch fangen sie neu an. Gott fängt neu mit ihnen an.

 „Siehe, ich mache alles neu“. Dieses große Versprechen für uns Menschen und für die Welt steht im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

In diesen Wochen hoffe ich besonders auf Neuanfänge für diejenigen, die unter dem Virus, und dem, was er mit sich bringt, leiden.

Du Gott des Anfangs,
du bist es, der Neues schafft.
Was hinter uns liegt – es bleibt.
Jeder Gedanke. Jedes Wort. Jede Tat.
Wir bitten Dich: Hilf uns immer wieder, neu anzufangen.
Gib, dass uns Vergangenes nicht zur Last wird,
und uns die Erinnerung nicht den Blick für die Gegenwart verstellt.
Leite unsere Schritte in die Zeit, die vor uns liegt,
durch deinen guten Geist,
den Geist der Hoffnung und des Vertrauens,
den Geist des Friedens und der Liebe.
Amen.
 

Felix Breitling